Welt : Brustkrebs: Das Tor zur Vorbeugung aufgestoßen?

HARTMUT WEWETZER

Die Substanz Tamoxifen halbiert das Risiko bei besonders gefährdeten Frauen / Forscher: Nebenwirkungen in Betracht ziehenVON HARTMUT WEWETZERHoffnung auf wirksame Brustkrebs-Vorbeugung hat eine große amerikanische Studie ausgelöst, die großes Medienecho hervorrief.Der Wirkstoff Tamoxifen kann, wie berichtet, das Risiko bei besonders gefährdeten Frauen fast halbieren.So lautet das vorläufige Ergebnis der BCPT-Studie an mehr als 300 Zentren in den USA und Kanada.Die Studie startete im April 1992; insgesamt 13 388 Frauen mit einem erhöhten Brustkrebs-Risiko nahmen teil und erhielten entweder Tamoxifen oder ein Scheinmedikament (Placebo).Seitdem erkrankten in der Placebo-Gruppe 154 Frauen an Brustkrebs, in der Tamoxifen-Gruppe dagegen nur 85.Das entspricht einem um 45 Prozent geringeren Risiko.Drei Frauen aus der Tamoxifen-Gruppe starben an der Krankheit, fünf aus der Placebo-Gruppe, teilte das Nationale Krebsinstitut der USA mit. Wegen dieses Ergebnisses ist den Frauen aus der Placebo-Gruppe nun bereits 14 Monate eher als vorgesehen freigestellt worden, ebenfalls Tamoxifen einzunehmen, um ihr Krebsrisiko zu verringern.Tamoxifen ist ein Wirkstoff, der in der Behandlung von Brustkrebs bereits erprobt ist.Die Substanz hemmt das weibliche Geschlechtshormon Östrogen teilweise und verringert zudem das Zellwachstum.Außerdem stimuliert sie das Immunsystem und vermindert die Fähigkeit von Krebszellen, sich im Körper festzusetzen.Besonders gut wirkt Tamoxifen bei Frauen, die jenseits der 50 an Brustkrebs erkrankt sind und deren Krebszellen Bindungsstellen (Rezeptoren) für Östrogen enthalten.Tamoxifen wird zur Nachbehandlung oder Linderung eingesetzt, es kann das Wiederauftreten von Krebs verzögern und die Überlebenszeit verlängern. Allerdings hat die Substanz erhebliche Nebenwirkungen.Da sie die Effekte des Östrogens teilweise blockiert, können Beschwerden wie in den Wechseljahren auftreten: Hitzewallungen, trockene Schleimhaut und dünnere Haut, Depressionen und Schlafstörungen.Vor allem aber steigt das Risiko von Krebs der Gebärmutterschleimhaut, paradoxerweise ein östrogenartiger Effekt des Tamoxifens.Das zeigte sich auch in der BCPT-Studie: Unter Tamoxifen bekamen 33 Frauen Gebärmutterkrebs, unter Scheinmedikament nur 14.Doch läßt sich dieser Tumor frühzeitig feststellen und gut behandeln. Auch die Neigung zu Blutgerinnseln im Gefäßsystem erhöht Tamoxifen: Frauen mit dem Hormonhemmer hatten 17 Lungenembolien (Verstopfung einer Lungenarterie), unter Placebo waren nur sechs betroffen.Eine Verstopfung einer großen Vene erlitten 30 Frauen unter Tamoxifen, aber nur 19 unter Placebo.Dieser Effekt des Tamoxifens ist östrogenartig, ebenso wie das geringere Risiko von Hüft-, Handgelenk- und Wirbelsäulenbrüchen infolge poröser Knochen. "Frauen mit einem erhöhten Brustkrebs-Risiko haben nun die Möglichkeit, Tamoxifen in Betracht zu ziehen", sagte Leslie Ford vom Nationalen Krebsinstitut der USA."Die Entscheidung kann allerdings nicht pauschal getroffen werden, sondern muß die individuelle Situation der Frau in Betracht ziehen, ihr Alter, ihre Lebensgeschichte, die Situation in der Familie und die persönliche Einschätzung von Nutzen und Risiko." Das Nationale Krebsinstitut der USA will nun einen Kriterien-Katalog aufstellen, der die Entscheidung für oder gegen Tamoxifen erleichtern soll.Teilnehmerinnen der BCPT-Studie waren Frauen über 60, Frauen mit familiär gehäuften Brustkrebsfällen oder auffälligen Befunden bei Gewebeentnahmen und Frauen mit anderen Risikofaktoren, etwa Kinderlosigkeit bis 40.Nicht besonders in Betracht gezogen wurde die vererbte Anfälligkeit für Brustkrebs durch ein defektes BRCA 1- oder BRCA 2-Gen, da diese zu Studienbeginn noch unbekannt waren. Das Potential zur Vorbeugung mit Tamoxifen ist erheblich.Allein in Deutschland erkrankt jede neunte Frau im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs, jedes Jahr 43 000 Frauen.Nur jede zweite kann geheilt werden.In der Vorbeugung ist man bisher auf allgemeine Hinweise angewiesen: Gesunde Ernährung, kein Übergewicht, Verzicht auf Nikotin, Vorsorgeuntersuchungen.Auch bei uns warten die Frauenärzte deshalb gespannt auf die endgültige Veröffentlichung der BCPT-Studie.Denn weniger Brustkrebs durch Tamoxifen-Vorbeugung wäre "zweifelsohne die effektivste und sicherste Behandlungsmaßnahme", schrieb der Charité-Gynäkologe Kurt Possinger im Fachblatt "Onkologe".

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