Welt : Bus-Unglück: Nichts wie raus hier

Andreas Oswald

Eigentlich ist es ein ruhiger Reisetag. Die Sonne scheint, der Verkehr auf den drei Autobahnspuren ist rege, aber nicht so dicht, dass man nicht noch problemlos 160 fahren könnte. Manche überholen bei diesem Verkehr sogar mit 220. Dann eine scharfe Bremsung. Markierungen künden von einer Baustelle. Überall rote Rücklichter. Die Fahrzeuge auf drei Spuren fädeln sich in zwei Spuren ein, besonders schmale zudem. Auch weiß niemand, wie sich die Spuren in dem riesigen Baustellenbereich schlängeln werden. Nervosität kommt auf. Gerade derjenige, der zuletzt noch mit 220 überholt hatte, bremst besonders scharf, scheint besonders unsicher zu sein. Er beschleunigt unvermittelt, will vermeiden, direkt neben einem riesigen LKW in die Baustelle zu fahren. Plötzlich kippen beide in der Anfangskurve etwas zur Seite, weil die andere Fahrbahn höher ist. Beide schlingern, fangen sich wieder.

Eine gefährliche Situation, die jeder kennt und die sich jeden Tag tausende Male ereignet. Zu diesem Zeitpunkt weiß kein Verkehrsteilnehmer, wie schnell er fährt. Alle konzentrieren sich darauf, die Spurführung zu erkennen und nicht zwischen Lastwagen zu geraten. Zudem werden sie durch das Blitzlichtgewitter links und rechts abgelenkt. In einer solchen Lage kann ein Blick auf den Tacho lebensgefährlich sein.

Also fährt jeder nach Gefühl. Und das Gefühl sagt: "Bloß schnell weg hier". Wohin? Nach vorne. Als sich die Lage nach einigen hundert Metern beruhigt, kommt der erste Blick auf den Tacho. 110 km/h. 30 km/h schneller als erlaubt. Jetzt bremsen? Sich von dem nahenden Lastwagen rechts überholen lassen? Nein. Augen auf und durch.

Das schwere Busunglück in Österreich lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Problem, das jeder kennt, gegen das aber nichts unternommen wird. In Baustellenbereichen fahren viele Lastwagenfahrer zu schnell. Und viele Autofahrer.

1998 ereigneten sich nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrats an Autobahnbaustellen 1544 Unfälle, bei denen 54 Menschen getötet und 440 schwer verletzt wurden. Laut Bundesamt für Statistik ereignen sich sechs Prozent aller Autobahnunfälle an Baustellen. Ein Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen ergab, dass die meisten Unfälle an Baustellen auf zu hohe Geschwindigkeit zurückzuführen seien.

Zu hohes Tempo kann auf fahrlässiges Rasen zurückgeführt werden. Oder auf Angst. Der Kölner Verkehrspsychologe Professor Wilfried Echterhoff sagte gestern dem Tagesspiegel, dass sich Auto- und Lastwagenfahrer in Baustellenabschnitten oft in einer Extremsituation befänden. Sie haben Angst, die schmale Spur nicht halten zu können. Sie würden mit Reizen überflutet, die sie kaum bewältigen könnten. Die Fahrbahnen seien zu eng, der LKW-Fahrer mit seinem breiten Gefährt habe Mühe, nicht auf die Überholspur zu geraten. Sein Spielraum betrage oft nur wenige Zentimeter. Hinzu komme, dass er von Spurrillen irritiert wird und Anhänger oftmals stark ins Schwanken kämen. Autofahrer, die neben sich den großen Reifen eines LKWs sähen, bekämen es oftmals mit der Angst zu tun.

Die optische Führung sei oft schlecht. Die Abgrenzung in der Mitte sei oft Grau auf grauem Grund. Die gelben Streifen seien wegen der Belastung häufig zerrissen. Nachts blendeten die Lichter und lenkten ab. Echterhoff fordert, dass das Licht die Fahrbahnführung beleuchtet und nicht, wie derzeit üblich, den Fahrer anstrahlt.

Aufgrund der zahlreichen angstauslösenden Faktoren neigten Fahrer dazu, schneller zu fahren, sagt Echterhoff. Tempolimits hätten daher oftmals keinerlei Bedeutung. Angst könne nicht mit Kontrollen und Strafandrohungen bekämpft werden. Stattdessen müsse der Autofahrer in erster Linie beruhigt werden. Dies könne geschehen, indem man seine Gefühle ernst nimmt und anspricht. In den USA gebe es beispielsweise Smiley-Zeichen, bei dem das Gesicht zu Beginn des Bauabschnitts betrübt ist, in der Mitte etwas aufhellt und gegen Ende wieder strahlt. Auch sollten Autofahrer verstärkt aufgeklärt werden. So sollten sie die Überholspur meiden, wenn sie sich unsicher fühlten. Das Problem ist allerdings, dass viele Autofahrer gerade auf der rechten Spur Angst kriegen, wenn vor ihnen ein Riesenlaster fährt und sie im Rückspiegel hinter sich den Kühlergrill eines anderen LKW in Kopfhöhe sehen. Verkehrspädagoge Jochen Lau vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat rät in diesem Fall, den Abstand zum Vordermann größer werden zu lassen und sich von dem Drängler hinten nicht verrückt machen zu lassen. Der Abstand vorne gebe dem Fahrer das subjektive Gefühl, überhaupt noch irgendeinen Handlungsspielraum zu haben und seine Geschicke noch selbst lenken zu können. Dies wiederum mache ihn sicherer.

Weitere Tips: Fahren Sie nicht neben einem anderen Fahrzeug, sondern verschränkt, dann haben Sie seitlich immer Spielraum. Wenn Sie neben einem Lastwagen fahren sollten, schauen Sie auf keinen Fall nach links oder rechts, ob genug Platz ist. Das führt zu gefährlichen Lenkbewegungen, weil der Mensch automatisch in die Richtung fährt, in die er guckt. Den Blick deshalb immer nach vorne richten, wenn möglich, über den Engpassbereich hinaus.

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