Welt : Cains Geschichte

Der momentan führende Kandidat der US-Republikaner ist Vorwürfen der sexuellen Belästigung ausgesetzt

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„Sie reichte mir nur bis zum Kinn.“ Herman Cain hat die Vorwürfe im Fernsehen zurückgewiesen. Foto: Scott Olson/Getty Images/AFP
„Sie reichte mir nur bis zum Kinn.“ Herman Cain hat die Vorwürfe im Fernsehen zurückgewiesen. Foto: Scott Olson/Getty Images/AFPFoto: AFP

Der Präsidentschaftswahlkampf 2012 hat seinen ersten ernsthaften Skandal. Herman Cain, seit kurzem die überraschende Führungsfigur unter den republikanischen Bewerbern in den Meinungsumfragen, wird vorgeworfen, er habe in den 1990er Jahren zwei weibliche Angestellte sexuell belästigt. Damals war er der Vorsitzende des nationalen Restaurantverbandes. Am Dienstag war es eine offene Frage, ob die Vorfälle so ernster Natur sind, dass sie Cains Kandidatur zu Fall bringen können, oder ob es sich um anonym lancierte Angriffe von Cain- Gegnern handelt mit dem Ziel, dass ein Verdacht hängenbleibt und ihm schadet, den er aber abwehren kann.

Bisher ist von verbalen Anzüglichkeiten die Rede, nicht von Körperkontakt zu den beiden Frauen. Es ist jedoch schwierig, verlässliche Details herauszufinden. Misstrauen ruft hervor, dass der Restaurantverband damals offensichtlich Geld an mindestens eine der beiden Angestellten bezahlt hat, um die Angelegenheit zu bereinigen. War da vielleicht doch mehr? Darüber spekulieren nun die US-Medien.

Unausgesprochen spielen dabei verbreitete Vorurteile, insbesondere in den Südstaaten, über eine angebliche sexuelle Aggressivität schwarzer Männer eine Rolle. Cain ist der einzige Afroamerikaner unter den republikanischen Bewerbern. Im Jahr 2000 hatten anonyme Gerüchte über ein angebliches uneheliches Kind des damaligen Spitzenreiters John McCain mit einer Schwarzen direkt vor der Vorwahl in South Carolina Unruhe verursacht. McCain verlor die Abstimmung, das ebnete George W. Bush den Weg zur Kandidatur.

Im aktuellen Streit hat bislang nur Cain öffentlich Stellung genommen. In Fernsehinterviews mit dem konservativen TV-Sender Fox und dem links der Mitte verorteten Kanal PBS sowie bei einem Auftritt im National Press Club in Washington am Montag versuchte er, die Anschuldigungen mit einem Anflug von Humor, der sein Markenzeichen geworden ist, vom Tisch zu wischen. „Ich lerne jetzt, wie es sich anfühlt, die Nummer eins in den Umfragen zu sein.“ In einem Fall aus den Jahren 1996 bis 1999, als der heute 65-jährige Schwarze den Restaurantverband führte, habe er lediglich eine Bemerkung über die Körpergröße jener Frau gemacht. „Ich stand neben ihr, sie reichte mir nur bis zum Kinn, und ich sagte: Sie sind fünf Fuß groß, genau wie meine Frau. Offenbar ging ihr schon das zu weit.“ Über die Umstände des anderen Falls hat er sich nicht genau geäußert.

Er betont, alle Vorwürfe seien genau untersucht worden und hätten mit seiner vollständigen Entlastung geendet. Die beiden Frauen werden von den Medien bedrängt, schweigen aber. Auch das nährt Spekulationen. Wollen sie sich nicht äußern, weil sie bei der Beendigung der Anstellung gegen eine Entschädigung in Höhe mehrerer Monatsgehälter unterschrieben haben, auch in Zukunft nicht darüber zu reden und andernfalls das Geld zurückzahlen müssten? Oder schweigen sie, weil nichts Ernsthaftes vorgefallen ist, und sie sich nicht dafür rechtfertigen wollen, dass sie dennoch eine Entschädigung beansprucht haben?

Wieder einmal bewahrheitet sich die Regel, dass der Erfolg einer Präsidentschaftsbewerbung in den USA nicht allein davon abhängt, wie attraktiv ein Kandidat wirkt – sondern mehr noch, ob er unerwartete Angriffe rasch und konsequent abwehren kann. In Amerika gilt das als Test seiner Managementqualitäten. Barack Obamas Aufstieg zum Favoriten wurde im März und April 2008 durch den Streit um USA-kritische Äußerungen seines Pfarrers Jeremiah Wright gebremst. Er geriet für Wochen in die Defensive, konnte sich aber behaupten.

Vor einer ähnlichen Herausforderung steht nun Herman Cain. Er ist die Überraschungsfigur der jüngsten Wochen. Mit seiner unverstellten Alltagssprache nimmt er die republikanische Basis für sich ein. Sein Aufstieg spiegelt aber auch das anhaltende Misstrauen gegen den vorigen Spitzenreiter Mitt Romney, der ein Mormone ist. Die Parteiführung hält Romney für den Kandidaten, der Obama am besten besiegen kann. Die Herzen der Basis schlagen eher für Cain.

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