Welt : „Carletto“ ist tot

Carlo Urbani, der Entdecker der neuen Lungenentzündung Sars, starb an ebendieser Krankheit

Thomas Migge[Castelpiano]

Daheim wurde er von allen einfach nur „Carletto“ genannt, Karlchen. „Den Namen trug er”, erklärt Don Marianno Puccotti, Pfarrer der Kirche des Heiligen Sebastian in der kleinen Ortschaft Castelpiano in der Nähe von Ancona in den Marken, „seit er als Kind in der Kirche das Akkordeon spielte.”

Carlo Urbani ist tot. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder. Sein Tod trifft nicht nur seine Familie. Der Arzt aus Mittelitalien war der erste Mediziner, der die neue Lungenkrankheit Sars entdeckte und als solche wissenschaftlich definierte.

Er starb an ebendieser Krankheit. Als Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war er in Vietnam, Laos und Kambodscha tätig. In Hanoi stieß Urbani auf das vor wenigen Wochen noch rätselhafte Virus. In einem Krankenhaus behandelte er einen amerikanischen Geschäftsmann, der mit einer besonders aggressiven Form einer Grippe eingeliefert worden war. Obwohl Urbani auf Grund seiner hohen beruflichen Position innerhalb der Weltgesundheitsorganisation eigentlich nur am Schreibtisch zu arbeiten hatte, war er doch ständig unterwegs.

Diese Umtriebigkeit wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Urbani behandelte den Amerikaner. Und das, obwohl ihm seine Mitarbeiter geraten hatten, von dem Patienten fernzubleiben und dessen Pflege dem Krankenhauspersonal zu überlassen.

Doch den Arzt aus Italien interessierte die Krankengeschichte des Patienten. Nach einer genauen Untersuchung des Amerikaners entdeckte Urbani zu seinem großen Schrecken, dass dieser sich mit einer neuen Form von Lungenentzündung infiziert hatte. Über die Weltgesundheitsorganisation schlug er Alarm. Ein Alarm, der in der ganzen Welt für Unruhe sorgt. Das Virus infizierte auch Urbani. Seine Mitarbeiter kämpften um sein Leben, doch die Krankheit siegte.

Carlo Urbani begann 1989 mit seiner medizinischen Freiwilligenarbeit in Afrika. Sechs Jahre später schloss er sich der Medizinervereinigung „Ärzte ohne Grenzen” an und wurde bald schon deren Präsident. 1999 nahm er in dieser Funktion in Oslo den Nobelpreis entgegen. Stellvertretend für alle Ärzte, die weltweit die Opfer von Kriegen behandeln. Die Weltgesundheitsorganisation zeigte sich an Urbani interessiert. Als Experte für Ansteckungskrankheiten schickte sie den Italiener nach Asien. Ein Auftrag, der für den Mann zum Verhängnis werden sollte.

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