China : Spontaner Aufschrei

Plötzlich wird es laut: Wie eine Trauerfeier auf dem Platz des Himmlischen Friedens aus dem Ruder läuft.

Benedikt Voigt
Tiananmen
Nationalistische Sprechchöre auf dem Platz des Himmlischen Friedens -Foto: AFP

PekingAm frühen Nachmittag stauen sich die Passanten im Fußgängertunnel zum Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens. Ein Chinese flucht, ein anderer benutzt seine Ellenbogen, um sich an einer Menschengruppe vorbeizudrängen, die alle anderen aufhält. Sie umlagert einen Verkäufer von Chinafahnen. Der Mann bietet an anderen Tagen seine Papierfahnen Touristen an, die sich damit vor dem Mao-Porträt fotografieren lassen. Nun aber macht er das Geschäft des Jahres. Rote Fahnen werden ihm aus der einen Hand gerissen, grüne Geldscheine in die andere Hand gedrückt. Anschließend strömen die Menschen durch den Tunnel weiter. Zur Schweigeminute auf dem Tiananmen- Platz.

Am Montag um 14 Uhr 28 hat ganz China um die Opfer der Erdbebenkatastrophe getrauert. Exakt eine Woche nach der verheerenden Naturkatastrophe hielt das ganze Land inne. Menschen schwiegen, Sirenen heulten, Autos hupten.

Zusätzlich hat die Regierung bis Mittwoch eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, eine Maßnahme, die bisher nur für verstorbene Parteiführer ergriffen worden ist. Der olympische Fackellauf ist für drei Tage ausgesetzt, Diskotheken und Kinos sind geschlossen. Zeitungen erschienen mit schwarzen Titelseiten, Unterhaltungsprogramme im Internet und Fernsehen mussten eingestellt werden. Die Fernsehstationen zeigten stattdessen Nachrichtensendungen – und den Fahnenappell vom Montagmorgen auf dem Tiananmen-Platz, als die Fahne auf Halbmast gesetzt worden war.

Einige Chinesen trauern dort demonstrativ und werden sofort von Dutzenden Fotografen umringt. Ein junges Mädchen steht mit gesenktem Kopf und einer weißen Nelke 45 Minuten lang regungslos – und dürfte sich heute in den chinesischen Zeitungen wiederfinden. „Es ist vieles inszeniert“, sagt ein westlicher Fotograf, „die Fotografen verteilen Blumen und machen dann Bilder.“ Hunderte Fotografen, Kameraleute und Journalisten tummeln sich auf dem großen Platz, ständig wird fotografiert. Nur bei der Schweigeminute halten alle inne. Die Menschen fassen sich an den Händen, eine junge Frau wischt sich Tränen aus dem Gesicht.

Dann wird es plötzlich laut. „Zhongguo“ ruft einer in der ersten Reihe in der Nähe des Fahnenmastes, „Jiayou“ antworten erst einige, dann viele. „Vorwärts China“ skandieren schließlich rund 1000 Chinesen und recken die Fäuste in die Luft. Anschließend ziehen sie hinter drei großen chinesischen Fahnen rund eine Stunde lang quer über den Tiananmen-Platz. „Lang lebe China“, rufen sie und singen die Nationalhymne. Viele lassen sich von der patriotischen Stimmung anstecken, aber nicht alle. Einer sagt: „Manche wissen nicht, wie man trauert.“

Auf dem Tiananmen-Platz hatte eine offizielle Trauerzeremonie gefehlt, um die vielen Emotionen zu lenken. Erst am Vortag hatte die chinesische Regierung Schweigeminute und Staatstrauertage ausgerufen, anschließend per Rundschreiben die Medien angewiesen, wie man damit umzugehen habe. Die Anweisung für Online-Betreiber ist auf der Internetseite „Shanhaiist.com“ dokumentiert. „Alle Websites müssen unverzüglich und in erster Linie über die Staatstrauertage berichten“, heißt es darin, wer sich nicht daran halte, dessen Seite werde geschlossen.

Kontrolle und Sicherheit prägten auch die Trauerfeier auf dem Tiananmen- Platz. Diesmal marschierten die Soldaten zwischen den Trauergästen, Sicherheitskameras verfolgten das Geschehen, Polizeibeamte mischten sich in Zivil unter die Trauernden. Als vier Mädchen weinend „Vorwärts Sichuan“ riefen, kam ein Mann mit Sonnenbrille, reichte ihnen eine chinesische Fahne und rief mit ihnen: „Vorwärts China“. Dann verschwand er wieder in der Menge. Doch die überschwängliche und spontane nationalistische Tendenz der Trauerfeier dürfte der chinesischen Regierung im Jahr der Olympischen Spiele nicht unbedingt gefallen haben. Nach einer halben Stunde kommt die Durchsage, dass die Menschen nach Hause gehen sollen. Und plötzlich tauchen einige Fahnen mit den olympischen Ringen auf. Aber wo kamen die plötzlich her? Sie wurden nirgends verkauft.

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