Christo : Ein Leben, gebündelt in der Kunst

Christo wird 75 Jahre alt – zum ersten Mal seit Jahrzehnten muss er einen Geburtstag ohne seine Frau Jeanne-Claude feiern.

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Christo und seine im Herbst gestorbene Frau Jeanne-Claude 2009 vor einem Modell des verhüllten Reichstags. Foto: dpa
Christo und seine im Herbst gestorbene Frau Jeanne-Claude 2009 vor einem Modell des verhüllten Reichstags. Foto: dpaFoto: dpa

Der Reichstag schien über der Erde zu schweben, silbrig und schimmernd. Enthoben war das historische Gebäude der Last der Vergangenheit, ein einziges Versprechen für die Zukunft. Noch heute, 15 Jahre nach der spektakulären Verhüllung von Christo und Jeanne-Claude, kann man das Bild des federleichten Reichstagsgebäudes an der Narbe zwischen Ost und West in Erinnerung rufen, so stark hat es sich als Erfahrung eingeprägt. Für einen Moment trafen sich politische und individuelle Freiheit am gleichen Ort. In der Geste des Verpackens hat sich das Leben von Christo gebündelt, als Kriegskind, Flüchtling, Staatenloser und Weltbürger. Christo Vladimir Javacheff wurd am 13. Juni 1935 im bulgarischen Gabrovo geboren, am heutigen Sonntag wird er 75 Jahre alt.

Den Krieg hatte Christos Familie in einem Dorf in den Bergen überstanden. Später verstaatlichten die Kommunisten die Fabrik seines Vaters, die auf die Behandlung von Webstoffen spezialisiert war. Die Javacheffs wurden aus ihrem Haus vertrieben. Während seines Studiums an der Akademie der Schönen Künste in Sofia erhielt Christo mit anderen Studenten den seltsamen Auftrag, die Landschaft entlang der Strecke des Orientexpresses zu verschönern. Störende Gerätschaften wurden mit Planen verpackt und verschnürt. Mit 21 Jahren dann schmuggelte er sich in einem versiegelten Güterwaggon in den Westen.

In seinen ersten Jahren in Paris entwickelte sich bereits der Ansatz für sein ganzes Werk. 1958 beginnt Christo Farbdosen aus seinem Atelier mit Leinwand zu umhüllen. Diese geknebelten Behältnisse vermitteln das Gefühl der Sprachlosigkeit, die den Start im Westen geprägt hat. Armselige Flaschen, abgenutzte Stühle sind sorgfältig eingewickelt wie der spärliche Hausrat einer Nomadenfamilie. Mit Zellophan verpackt der Künstler auch die Porträts schöner Frauen. Bei einem dieser Aufträge lernt er Jeanne-Claude kennen. Sie wurde am gleichen Tag wie er geboren, wuchs als uneheliche Tochter eines französischen Offiziers in Casablanca. Mit ihm teilt sie seine Erfahrung von Heimatlosigkeit. Die beiden heiraten 1962. „Ich bin Christos Zerberus“ hat Jeanne-Claude ihre Rolle in der Partnerschaft beschrieben. Der schüchterne Mann mit den hängenden Schultern und die mondäne Rothaarige mit den stahlblauen Augen – auf den ersten Blick wirkten sie wie unvereinbare Antipoden. Wenn sie aber Hand in Hand durch ihre Ausstellung liefen, schien es, als bildeten sie ihr eigenes Sonnensystem.

Kunsthistoriker rümpften die Nase, als das Reichstagswerk 1994 nachträglich Christo und Jeanne-Claude zugeschrieben wurde. Doch Jeanne-Claudes Organisationstalent hat den monumentalen Verhüllungen ihre wichtigste Qualität erhalten – ihre Unabhängigkeit. Der strahlende Glanz und die stille Verweigerung – am Ende ist das Temperament von beiden wiederzufinden.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten feiert Christo seinen Geburtstag ohne seine Frau. Jeanne-Claude ist im Herbst gestorben. Die Flüchtigkeit war ihr gemeinsames Element. Die beflügelten Zäune in Kalifornien, die safrangelben Tore im New Yorker Central Park – weil sie verschwanden, blieben diese spektakulären Landschaftskunstwerke in Erinnerung. Das nächste Projekt ist seit Jahren in Vorbereitung: Over The River – die Verhüllung des Arkansas-Flusses.

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