Welt : Concorde: Das Geisterschiff sticht in See

Susanne Ostwald

Trübe ist der Himmel über New York an diesem Mittwochmorgen. Es regnet über Manhattan, und an Pier 88, wo am nächsten Tag eine Reise in die Sonne beginnt, herrscht düstere Stimmung. Hier liegt der weiße Luxusliner "MS Deutschland" vor Anker, 410 Passagiere sind an Bord, eigentlich hätten es 509 sein sollen. Willi Schöneberg hat das gerade begriffen, man sieht es an den zuckenden Mundwinkeln, den Tränen, die beginnnen, sich in seinen Augenwinkeln zu sammeln. 48 Jahre ist er alt, von Beruf Wirtschaftslehrer, er kommt aus Lünen bei Dortmund. "Der Kapitän sollte die Reise abbrechen", findet er, und seine Frau Brigitte nickt zustimmend. "Wir werden immerzu an die Toten denken", sagt sie, "jedes Mal, wenn wir einen freien Platz sehen."

Am Morgen haben sie beim Frühstück an Bord der "MS Deutschland" gesessen, als Kapitän Hayo Janssen eine Durchsage zu machen hatte. "Ich habe sehr schlechte Neuigkeiten", sagte er und unterrichtete die Passagiere von der Katastrophe in Frankreich.

Einmal aus der Concorde die Erdkrümmung sehen, die schönsten Inseln der Karibik besuchen, in Südamerika auf Entdeckungsreise gehen und den Panamakanal durchqueren, dann zu den Olympischen Spielen nach Sydney weiterreisen: Wegen dieses Traums sind sie hier, und bis zu 26 000 Mark haben sie dafür bezahlt. Doch dem Hafenarbeiter Joe Lucanto kommt das in Deutschland aus dem Fernsehen bekannte "Traumschiff" mit seinem Dekor im Stil der 20er Jahre, mit Palmensaal und Restaurant Vierjahreszeiten, mit Tanzsälen, Seewasserpool und Türkischem Dampfbad "jetzt wie ein Geisterschiff vor". Eine Gänsehaut habe er bekommen, als er vom Unglück hörte.

Am tiefsten sitzt der Schock bei jenen 33 Passagieren, die am Morgen an Bord einer anderen Concorde nach New York gekommen sind. Eigentlich hätten sie gemeinsam mit den anderen Reisenden in der Chartermaschine fliegen sollen. Weil beim Reiseveranstalter Peter Deilmann so viele Buchungen eingegangen waren, wurden sie auf den Linienflug einer anderen Concorde umgebucht. Als sie am Nachmittag mit Souvenirs bepackt von einem Ausflug in Manhattan zum Schiff zurückkehren, ahnen sie nichts von dem Unglück der anderen, nichts davon, dass sie verschont blieben.

"Welches Unglück?"

Eine Traube Journalisten hat das Kreuzfahrtschiff belagert. "Welches Unglück?", fragt ein Urlauber verstört und ist schockiert, als Reporter ihn über die Katastrophe von Paris aufklären. An Bord ist auch ein Paar, das beim Absturz zwei Freunde verloren hat, mit denen es gemeinsam auf die Reise gehen wollte.

Der New Yorker Bürgermeister Giuliani hat einen stark ausgeprägten Sinn für öffentliche Auftritte und trifft am frühen Nachmittag an Bord ein. Er unterhält sich mit dem Kapitän und spricht den Betroffenen sein Beileid aus. Danach lädt er zur Pressekonferenz vor dem Luxusschiff und gibt bekannt, den Gästen an Bord des Schiffes würden Seelsorger zur Verfügung gestellt. Anschließend hat Kapitän Janssen das Wort. Er hat angeordnet, die Flaggen auf Halbmast zu setzen und sagt im Namen der Crew: "Unser tiefes Mitgefühl gilt den Betroffenen und Angehörigen."

Keiner will die Reise abbrechen

In Neustadt tritt am Tag nach der Katastrophe von Gonesse auch der Reeder Peter Deilmann noch einmal vor die Presse. Am Abend zuvor hatte er seine "große Bestürzung" ausgedrückt, aber als die Journalisten ihn fragten: Sind es alles Deutsche? und: Wie fühlen Sie sich jetzt?, da konnte er nicht mehr an sich halten, da drehte er sich um und murmelte nur noch: "Selten so beschränkte Fragen gehört."

Am nächsten Morgen ist auf der ersten Internet-Seite der Reederei weiß auf schwarz zu lesen: "Wir haben keine Worte." Aber Peter Deilmann hat sich gefasst. Also steht er wieder da, vor dem zweistöckigen Gebäude seiner Reederei am Innenhafen von Neustadt, und beantwortet ruhig jede Frage, sagt in einen bunten Strauß von Mikrofonen, er habe den verbleibenden Passagieren das Angebot gemacht, von der Reise zurückzutreten. Aber "es hat sich keiner dafür entschieden, und somit ist das für uns auch der Auftrag, diese Reise auszuführen".

Heute Abend also wird die "MS Deutschland" aus dem New Yorker Hafen auslaufen. "Die Crew wird sich ganz besonders anstrengen, um die Trauer an Bord zu vertreiben", glaubt eine junge Frau, die zum Pier 88 am Hudson River gekommen ist. "Ich habe Angst", sagt sie und lässt unausgesprochen, wovor. So viel nur: Letztes Jahr gehörte sie noch selbst zur Besatzung des Luxusschiffs. Sie weiß, dass die Crew oft gemeinsam mit den Urlaubern anreist. Aber die Deilmann-Mitarbeiter, die die Kreuzfahrt begleiten, sind in diesem Fall schon am Sonntag vor dem Ablegen nach New York geflogen. Deshalb seien "glücklicherweise" keine Mitarbeiter unter den Opfern, sagt Deilmann.

Sie werden also 410 Passagiere an Bord sein. Sie werden im Salon Lili Marleen entspannen, im "Alten Fritz" ein Bier trinken, über das Kommodore-Deck flanieren. Alles wie geplant, nur dass diese Reise mit einer Trauerfeier an Bord beginnt, die der Schiffsgeistliche Walter Grunwald abhalten wird. "Es ist jetzt nicht mehr dasselbe", sagt Helga Ewald, eine pensionierte Lehrerin aus dem rheinischen Lohmar, die noch darauf wartet, dass sich der Schock einstellt - "der kommt erst noch", glaubt sie. Es ist diese beherrschte Haltung, die einem Steward an diesem Tag sehr deutsch erscheint. Sicherlich werde es keine Party an Bord geben, vermutet die Reisende Simone Stenzel, "und wenn, dann würde ich nicht dorthin gehen". Für den ersten Tanzabend wird die Bordkapelle sich etwas Besonderes überlegen müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar