Dalai Lama : Farbe des Friedens

Der Dalai Lama, Oberhaupt der Tibeter, spricht in Hamburg. 11.000 Menschen wollen das politische Oberhaupt der Tibeter sehen.

Antje Lückingsmeier[Hamburg]

Über dem sonst hanseatisch-nüchternen Tenniscenter am Rothenbaum flattern tibetische Gebetsfahnen in der Sonne, die Menschen strömen zum Eingang. Doch das Publikum ist deutlich bunter gemischt als bei Sportveranstaltungen: Viele Nationalitäten und besonders die zahlreichen buddhistischen Mönche und Nonnen in rot-orangenen Gewändern mit kurz geschorenen Haaren fallen ins Auge. Sie sind gekommen, um den Dalai Lama zu sehen, der am Wochenende Vorträge unter dem Motto „Frieden lernen“ hält, in denen er zum Gespräch über die Praxis der Gewaltlosigkeit aufrufen will. Die Stimmung ist friedlich und gelassen, trotz der vielen Menschen: Fast 11 000 Eintrittskarten sind verkauft, jeder Platz ist besetzt auf dieser Veranstaltung, die in Deutschland einzigartig ist. Eine ganze Woche lang ist das spirituelle und politische Oberhaupt der Tibeter zu Gast in der Hansestadt und will mit Vorträgen und Gesprächen den Themen, die ihm am Herzen liegen, mehr Popularität verschaffen: der Achtung und Wahrung der inneren Werte jedes einzelnen Menschen und der Harmonie zwischen den Religionen.

Als Seine Heiligkeit durch den orangeroten Vorhang auf die Bühne kommt, stehen die Zuschauer auf und jubeln. Der ganze Saal scheint zu vibrieren vor Energie. Es ist eine eigentümliche Erregung, die in der Luft liegt, in den Momenten, bevor das erste Wort fällt. Der kleine, lachende Mann in Flip-Flops und mit dem rot-orangenen Mönchsgewand begrüßt die Menschen mit vor der Brust zusammengelegten Händen. Er nickt und winkt in alle Richtungen und freut sich sichtlich über den Empfang. Auch in der Tennishalle wehen die bunten Gebetsfahnen, alles ist lichtdurchflutet. Die orange geschmückte Bühne leuchtet und strahlt. Dann übergibt Moderator Roger Willemsen dem 14. Dalai Lama das Wort, der im Schneidersitz in einem schwarzen Ledersessel auf der Bühne Platz genommen hat, an der Seite seines langjährigen Übersetzers Christof Spitz. „Ich freue mich, dass so viele Menschen hier sind“, beginnt der Dalai Lama. „Einige wollen mich vielleicht nur mal sehen – das können Sie dank der großen Monitore ja sehr gut“, er lacht, macht einige Kopfbewegungen in Richtung Kamera und erscheint prompt überlebensgroß auf den Leinwänden links und rechts der Bühne. „Ich hoffe aber nicht, dass Sie meine grauen Haare sehen können“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Das Publikum lacht, die Ehrfurcht scheint einer gewissen Heiterkeit Platz zu machen. Andere seien vielleicht mit sehr großen Erwartungen gekommen. „Die möchte ich nicht enttäuschen, aber ich habe nichts Besonderes anzubieten. Ich habe keine Wunderkräfte, auch wenn das einige glauben.“ Er freue sich über diejenigen, die zu Gedankenaustausch und Debatte gekommen seien. „Obwohl ich ja noch nicht weiß, ob ich bei der Debatte gewinne oder verliere“, lacht er. Und wer nur zum Ausruhen da sei, der sei nicht weniger herzlich willkommen. „Nur achten Sie darauf, dass Sie nicht schnarchen …“

Die Zuschauer nicken aufgeweckt, als der Dalai Lama sagt, dass jedes Lebewesen das Recht auf ein glückliches Leben habe. Doch gerade in reichen Ländern hätten so viele Menschen psychische Probleme, die sich zu physischen auswachsen würden. „Negative Emotionen stören unsere innere Ruhe, sie fressen unser Immunsystem auf“, sagt er. Wir müssten lernen, dass Zufriedenheit auf der mentalen Ebene wichtiger sei als das Äußere und Materielle.

Doch nicht nur der Gesundheit schade eine schlechte mentale Einstellung. Bei allen religiösen Unterschieden, aller menschlicher Intelligenz und fortschrittlicher Technologie sei das auslösende Element für Tragödien wie dem 11. September die schlechte Emotion „Hass“ gewesen. „Eine Änderung der Geisteshaltung würde viel ändern“, ist der Tibeter überzeugt.

Die Menschen hören den Ausführungen gespannt zu. „Ich habe das Gefühl, er sagt ja gar nicht unbedingt etwas Neues, er findet nur die richtigen Worte“, sagt eine Frau aus Stuttgart. Wesentlich sei für sie, dass der Dalai Lama so sehr das ausstrahle, was er predige: fröhliche Gelassenheit.

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