Welt : Das Bauchgehirn

Die Sängerin Pink ist auch nur ein amerikanisches Mädchen. Trotzdem ist sie anders als die anderen. Warum?

Andreas Grosse

Es ist ziemlich ungewöhnlich: Alicia Moore hatte ein Leben vor dem Pop. Okay, es war kein langes Leben – neunzehn Jahre waren es bis zur ersten Single. Aber das ist immerhin mehr als doppelt so viel gelebte Zeit wie bei Britney Spears, Christina Aguilera und Beyoncé Knowles bis zum ersten Fernseh-Casting-Auftritt verstrich, mit dem immer häufiger eine normale Kindheit endet.

Doch auch sonst unterscheidet sich Alicia Moore von den Britneys dieser Welt: Ihre Brüste sind kleiner, ihre Hüften speckiger, und ihren Mund reißt sie nicht nur zum Lachen etwas weiter auf als die anderen. Und dann hat sie noch eine hübsche Geschichte zu erzählen, wie sie an ihren Künstlernamen Pink geraten ist. Eine Geschichte, die zugleich nett und cool klingt: Als kleines Kind sei sie ständig errötet, also nannten ihre Freunde sie Pink. Die Haarfarbe entsprechend geändert und den Namen tatsächlich für sich angenommen aber habe sie erst, nachdem sie Steve Buscemi als Mr. Pink in Quentin Tarantinos blutrünstigem Erstlingsfilm „Reservoir Dogs“ gesehen habe.

Vor allem aber ist da dieses Leben vor dem Karrierrestart, das Pinks Musik Authentizität verleiht und das den Unterschied macht zu den Kinderarbeitsbiografien anderer Jungstars. Die nämlich handeln vor allem von Fleiß, Diät, Disziplin und Training, aber wenig von lebensweltlicher Erfahrung, Inspiration und Talent. Wobei ein typisches Pop-Paradox darin besteht, dass Pink ihre vergleichsweise bewegte Vita auf die gleiche Art vermarktet wie ihre Konkurrentinnen das bescheidene Vorleben mit divenhaften PR-Mätzchen und nackter Haut zu kompensieren versuchen: grell, laut und unübersehbar. Zum Beispiel im Video zu „Lady Marmalade“, in dem Pink ohne mit der Wimper zu zucken unter anderem an der Seite von Christina Aguilera auftritt.

Die Mutter verschwand

Die heute 24-jährige Pink wuchs in Philadelphia auf, die Eltern trennten sich früh, die Mutter verschwand mit dem Bruder – bis heute ist unbekannt, was aus ihnen wurde. Pink blieb mit ihrem Vater zurück, einem Vietnam-Veteranen, der sie per Gitarre mit der Musik von Bob Dylan und Janis Joplin für die Welt da draußen impfte. Mit 15 flog sie von der Schule, sang zwischenzeitlich sowohl in einem Gospelchor als auch in einer Punkband, zog von zu Hause aus, schlug sich mit schlecht bezahlten McJobs durch. Dann kam der Pop, und er kam letztlich auch für Pink in Form eines Castings – für eine R&B-Band, die sich aber gleich wieder auflöste.

Doch immerhin landete sie in der Kartei der bekannten Produzenten Babyface und L.A. Reid, die im Jahr 2000 schließlich Pinks Debütalbum „Can’t Take Me Home“ auf ihrem Label veröffentlichten. Die auf Black Music produzierte R&B-Platte der weißen Sängerin brachte einen Achtungserfolg in den USA. Der internationale Durchbruch aber folgte erst mit dem rockigeren Nachfolgealbum „Missundaztood“ und den Hitsingles „Get This Party Started“ sowie „Family Portrait“. Darauf erfand sich Pink als abwechselnd wutschnaubende und verletzliche, aufreizende und coole Repräsentantin eines jungen weiblichen Selbstbewusstseins. Bloß kein ferngesteuertes Püppchen sein, bloß keine Britney. Diese Rebellinnenpose schreibt ein so typisch amerikanisches wie letztlich universelles Pubertätsklischee in Popmusik um: Pink gibt das hässliche Entlein aus der letzten Reihe, dessen versteckte Klugheit und Empfindsamkeit früh durch das Leben geschult wurden, während die anderen Cheerleader-Träume träumen.

Das mag nach schlechtem Teenie-Film klingen, macht Pink aber bei einem jungen, weiblichen Publikum extrem glaubwürdig. Der typische Pink-Fan fühlt sich von dem omnipräsenten Schönheitsideal, das Britney Spears repräsentiert, offenbar mehr unter Druck gesetzt, als er zugibt. Da wird eine White-Trash-Sängerin zum Star, die so aussieht, als würde sie lieber auf die Straße spucken und im Supermarkt klauen als sich an der Bar auf einen Drink einladen zu lassen. Pink spielt sehr erfolgreich mit dem Punk-Image. Doch vielleicht ist das erfolgreichste Körperteil an Pink ihr kugeliger Bauch, den sie so gern öffentlich zur Schau stellt. Dieser Bauch sagt: Ich kann an keinem Drive-In vorbeifahren. Was soll’s, ich bin auch nur ein amerikanisches Mädchen.

Strategische Blöße

Die Ironie: Während Spears’ Versuch, mit einem Image-Wechsel von der Pop-Lolita zum Sex-Vamp ihrer Karriere eine neue Wendung zu geben, kommerziell zu scheitern droht, läuft es für Pink immer besser. Ihr neues Album „Try This“ verkauft sich fabelhaft, ihre ursprünglich auf sechs Konzerte beschränkte Deutschland-Tour wurde wegen der großen Kartennachfrage um fünf Zusatztermine erweitert. Bei ihren ersten Auftritten in der vergangenen Woche in Hannover und Stuttgart war Pink dann übrigens nicht wesentlich zurückhaltender beim Herzeigen ihres Körpers als ihre Kolleginnen Britney, Christina und Beyoncé. Der Unterschied liegt in der Publikumsinterpretation: Bei Spears und Co. glauben die Leute an strategische Nacktheit. Bei Pink halten sie es für gelebte Sexualität. Kein Grund zum Rot werden.

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