Welt : Das Blutbad in Bayern: Bis die Wut nicht mehr zu zähmen ist

Jörg Ziegler

Amok ist ein Wort aus der malaiischen Sprache und bedeutet Wut oder wütend. Es wurde von den Europäern übernommen, nachdem Wissenschaftler erstmalig in Südostasien auf Fälle von plötzlich auftretenden psychischen Störungen mit aggressivem Aktionsdrang aufmerksam geworden waren. Diese werden auch als Amokläufe bezeichnet. Amokläufer zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich am Ende meist selbst töten. Die einen schießen wahllos auf ihre Opfer, die anderen töten aber auch gezielt Personen, die sie kennen, wie Kollegen, Vorgesetzte oder Verwandte. Der Ansicht, dass der zweite Typus kein Amokläufer "im herkömmlichen Sinn" sei, wie der bayerische Innenminister Beckstein über den vorliegenden Fall sagte, stimmen Experten nicht zu.

Amokläufer sind in 99 Prozent der Fälle Männer. Die genaue Ursache des Gewaltausbruchs ist oft nicht feststellbar, da die Täter anschließend meist tot sind. Dem Bund Deutscher Psychologen (BDP) zufolge liegen bei mehr als der Hälfte der Fälle Hinweise auf schwerwiegende seelische Störungen vor. Bei den Tätern haben sich Angst, Eifersucht, Scham und Demütigung so lange aufgestaut, bis die Wut für sie unbeherrschbar wird und sie zu einer Wahnsinnstat treiben. Die selbst- und fremdzerstörende Reaktion auf gesellschaftliche Überforderung oder Isolation der Täter kann im Wahn- oder Rauschzustand entstehen. Am gefährlichsten seien die Wahnkranken, deren Tat immer tödlich ausgehe, ausgelöst durch die Projektion ihres wahnhaften Hasses in die ihnen fremde Welt. Bei den anderen handle es sich um depressive Persönlichkeiten, die den Fluchtweg aus dem Elend suchten.

Es gibt aber auch Täter, deren Leben völlig in Ordnung scheint - und die aus banalen Gründen plötzlich "ausrasten". Ein Amokläufer handelt zwar abnorm, er ist deshalb aber nicht automatisch krank, sagt Arthur Kreuzer, Professor und Direktor des Kriminologischen Instituts an der Universität Gießen. Fast immer handele es sich aber um einen psychisch unausgeglichenen Menschen.

Dabei könne er zuvor sowohl als "typischer" Choleriker oder auch als ganz schüchterner Mensch aufgefallen sein - meistens ist es jemand, der ungelöste Konflikte lange Zeit wegschluckt. "Bei der Mentalität finden Sie alles", sagt Kreuzer.

Nach Erkenntnissen der Polizeipsychologen ist der typische Amokläufer bieder und unauffällig, zeigt seine Gefühle nicht und neigt zu Selbstüberschätzung. Ausgelöst wird der Gewaltausbruch durch die Häufung von subjektiven Kränkungen.

Wenn sich aufgestaute Frustrationen in Gewalt entladen, gibt es vorher oftmals keine Warnzeichen. Der Bielefelder Psychotherapeut Werner Wilk kennt einen Fall, in dem ein Amokschütze vorher noch mit seinem Wagen zum Tanken gefahren sei und sich dort mit den Leuten ganz normal unterhalten hatte. Wilk: "Man kann die Psyche eines Menschen so tief nicht durchleuchten".

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