Welt : Das böse Titelbild einer Satirezeitschrift und der Kanzler im Fernsehen

Andreas Oswald

"Wir waren es diesmal nicht", schnitt "Titanic"-Sprecher Martin Sonneborn dem Anrufer lachend gleich das Wort ab, als der ihn nach der Naddel-Sendung "peep" fragte. Darin hatte die Moderatorin Nadja Abdel Farrag ein Interview mit einer Schröder-Puppe geführt, die über ihre sexuellen Vorlieben redete und Sex mit einer Kellnerinnen-Puppe machte. Das Satiremagazin "Titanic" - Auflage 60 000 - gilt seit Jahren als führend, wenn es darum geht, Politiker der Lächerlichkeit preiszugeben. Mitarbeiter des Blattes hatten sich auch schon wiederholt in Fernsehsendungen eingeschlichen.

Die "Titanic" sieht ihre Satire-Führungsrolle in Deutschland durch "Pfui-TV" ("Bild") nicht gefährdet. Sonneborn sagte, das Blatt habe in den 20 Jahren seiner Existenz - im Oktober wird Geburtstag gefeiert - seine Aufgabe unter anderem darin gesehen, die Grenzen der erlaubten Satire auszuloten und auszudehnen. "Diese Vorreiterrolle wird uns nicht weggenommen". Die "Titanic" habe das Feld gebahnt für die anderen Medien, die sich ermuntert fühlten.

"Das ist nur Klamauk", sagte Sonneborn zu der "peep"-Sendung mit Schröder. "Unsere Leser haben einen Anspruch".

Als einst Schröders Beziehung zu Doris Köpf bekannt wurde, brachte "Titanic" ein Titelbild, auf dem Arbeitslose Schröder hochhielten. Dazu in Anspielung auf Schröders damaligen Ehebruch: "Die gute Nachricht aus Schröders Hose - ein Arbeitsloser weniger". Schröder rief mit zweiwöchiger Verspätung persönlich bei der "Titanic" an und wollte das Cover als Poster haben, "um es auf der Toilette aufzuhängen". Als der "Titanic"-Redakteur fragte, warum seine Presseleute zwei Wochen geschlafen haben, antwortete Schröder nach "Titanic"-Angaben, er sei zwei Wochen unterwegs gewesen, in Sachen Hose.

Das zeige, dass Schröder durchaus Humor habe, sagte Sonneborn. "Wenn er mit uns spricht", fügte er hinzu.

Schröder lässt, wie berichtet, derzeit wegen der "peep"-Sendung rechtliche Schritte gegen RTL2 prüfen. Naddel sagte unterdessen zu "Bild": "Der Redaktionsleiter hat entschieden, dass dieser Beitrag in die Sendung kommt. Ich kannte ihn vorher, habe einfach meinen Text vom Blatt abgelesen. Ich konnte ja auch nicht gleich in meiner ersten Sendung ganze Beiträge kippen. Falls ich aber den Bundeskanzler wirklich beleidigt haben sollte, entschuldige ich mich in aller Form." Kulturstaatsminister Michael Naumann: "Skandalös, geschmacklos und unfair. Satire kann alles sein, aber nicht dumm. Hier sind die Verantwortlichen gefragt."

Der Kölner Musiksender Viva hatte das Video mit der Schröder-Gummipuppe abgelehnt. Der Video-Clip sei zwei Mal von den Produzenten angeboten worden, davon ein Mal in entschärfter Form, sagte VIVA-Geschäftsführer Dieter Gorny. Viva habe aber das Video nicht für gut genug befunden. Nach Angaben des Video-Produzenten Peter Burtz ist das Video bereits bei mehreren anderen Sendern gelaufen, ohne dass es zu Protesten gekommen sei. Allerdings sei der Clip überwiegend nur in Auszügen gezeigt worden. Bei dem Musiksender MTV laufe eine entschärfte Variante, in der die gepiercten Brustwarzen der Puppe mit einem schwarzen Balken verdeckt seien. Auszüge seien in "Exclusiv" (RTL) und "Blitzlicht" (SAT.1) zu sehen gewesen. Das Video sei Ende August bei der Kölner Popkomm von dem WDR-Jugendsender Eins Live vorgestellt und später im Regionalen WDR-Programm West Drei ausgestrahlt worden. Neu war an der Sendung bei "peep", dass das Video mit einem fiktiven Interview Naddels zusammengeschnitten wurde.

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