Welt : Das Comeback eines Verdächtigen

Malte Lehming

Er ist wie ein Gespenst, das plötzlich auftaucht und alle zum Narren hält. Gary Condit ist wieder da, der 54-jährige Kongress-Abgeordnete aus dem kalifornischen Wahlkreis Modesta. Besser bekannt als jener strebsame, konservative Demokrat, der vor dem 11. September in einem wochenlang anhaltenden Drama um eine spurlos verschwundene Praktikantin die amerikanische Nation in Atem hielt. Damals verging kein Tag, an dem Condit von einer Skandale witternden US-Presse nicht aufgelauert wurde. Doch er verzog stets nur den Mund zu einem seltsam entrückten Grinsen und schwieg. Condit redete nicht, sondern spendete lediglich 10 000 Dollar als Belohnung für sachdienliche Hinweise zum Aufenthaltsort der vermissten Chandra Levy.

Dann flogen arabische Terroristen zwei Flugzeuge in das World Trade Center - und Condit war fast ebenso spurlos verschwunden wie die schöne Praktikantin. Doch im Unterschied zu ihr ist der Abgeordnete nun wieder präsent. Und er tut so, als sei nie etwas gewesen. An diesem Dienstag kandidiert er im Rahmen der innerparteilichen Vorwahlen erneut für seinen Wahlkreis. Zwar hat er kaum Parteigelder, kann keine Fernsehwerbung schalten, er spricht weiterhin nicht mit den Medien, sondern lächelt stattdessen ebenso provozierend vielsagend wie früher.

Aber sein politischer Ehrgeiz ist offenbar ungebrochen. Schließlich war der Sohn eines Baptisten-Predigers schon mit 26 Jahren Bürgermeister und mit 41 Jahren Kongress-Abgeordneter. Ein solches Talent wird sich seine Karriere durch eine Affäre nicht kaputtmachen lassen.

Denn standhaft behauptet Condit immer noch, mit dem Verschwinden Levys nicht das Geringste zu tun gehabt zu haben. Die Liaison räumt er ein, mehr nicht. Alles andere seien Spekulationen, üble Gerüchte, Verleumdungen. Die Vorwürfe allerdings kleben an ihm. Vor seinem Büro in Modesta wird weiter wöchentlich gegen ihn demonstriert. Wo immer Condit in seinem Wahlkreis auftaucht, sind auch die Protestierer dabei. Mehr als 7000 negativ gefärbte Artikel sind seit Beginn des Skandals über ihn in den US-Zeitungen veröffentlicht worden. Auf einer eigens eingerichteten Web-Seite ( www.condit.com ) aktualisieren seine Gegner sämtliche Vorwürfe gegen ihn. Eine Musikband hat sogar einen Hit produziert ("Dear Congressman Condit"), in dem der Abgeordnete der Lüge bezichtigt wird. Und in den spätabendlichen satirischen Fernsehshows wird er regelmäßig durch den Kakao gezogen.

Doch weil die Beweise für eine Verstrickung des Abgeordneten in das Verschwinden der Praktikantin ausbleiben, schlägt die nationale Ablehnung auf lokaler Ebene in Sympathiebekundungen um. Wahrscheinlich wird er in dieser Woche nicht seine fünf innerparteilichen Herausforderer übertrumpfen. Aber auf einen zweiten oder dritten Platz könnte Condit kommen. Und schon das würde ihn in gewisser Weise rehabilitieren.

Sein Anhänger sagen: In Washington werden andauernd Menschen vermisst; zwar hat Condit ein Verhältnis mit Levy gehabt, aber das bedeutet nicht, dass er ein Verbrecher ist; von Anfang an haben die Medien eine Hexenjagd auf ihn veranstaltet. Einer dieser Anhänger ist Ron Scanlon, ein 48-jähriger Verkäufer. Die Ungerechtigkeit, die er in der Berichterstattung über Condit empfand, hat ihn politisiert. Seitdem betreibt er Wahlkampf für den Abgeordneten. "Gehen Sie einmal durch die Gegend hier", sagt Scanlon, "fast jedem in meiner Nachbarschaft hat Condit schon geholfen." Überall im Lande, wundert sich selbst die "Washington Post", gelte Condit als Witzfigur, "bloß nicht dort, wo er zur Wahl steht". Bill Conrad, der Vizebürgermeister von Modesta und einer von vier Republikanern, die sich um den Sitz von Condit bewerben, schließt sogar einen Sieg des Demokraten an diesem Dienstag nicht aus. Je vehementer Condit angegriffen werde, sagt Conrad, desto enger schließe sich der Kreis seiner Gefolgsleute. Am Ende werde ihn eine "Verschwörung der schweigenden Mehrheit von Modesta" wieder an die Macht bringen.

Chandra Levy bleibt seit dem 30. April vergangenen Jahres vermisst. Einen Tag vorher hatte sie ihrer Tante eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie komme demnächst nach Hause, sagte sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben