Welt : Das Geisterschiff

Die havarierte „MSC Flaminia“ mit gefährlichen Substanzen an Bord löst an der Nordseeküste Ängste aus.

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Der Havarist. Die brennende „MSC Flaminia“ vor einer Woche auf dem Atlantik. Sie wird in die Nordsee geschleppt. Foto: dpa
Der Havarist. Die brennende „MSC Flaminia“ vor einer Woche auf dem Atlantik. Sie wird in die Nordsee geschleppt. Foto: dpaFoto: dpa

Er war bisher sehr zufrieden mit der Saison. „Der Sommer kam spät, aber gewaltig“ , sagt der Kurdirektor der Nordseeinsel Helgoland, Klaus Furtmeier. Doch jetzt ziehen dunkle Wolken am Horizont auf. Ein mit Gefahrgut beladenes Geisterschiff, der auf dem Atlantik in Brand geratene Containerfrachter „MSC Flaminia“, soll bei Helgoland vor Anker gehen und von Spezialisten unter die Lupe genommen werden.

Kurdirektor Furtmeier kann es „natürlich nicht gutheißen“, was da auf die Felseninsel zukommt. Derzeit sieht er allerdings keine unmittelbare Gefahr für das Meer und die Touristen, wie er sagte. Der 300-Meter-Frachter fuhr am 14. Juli gerade über den Atlantik, um mehr als 2500 Container aus den USA nach Europa zu bringen, als an Bord ein Feuer ausbrach. Ein Teil der Ladung explodierte. Ein Seemann starb, ein zweiter wird seitdem vermisst, ein weiterer schwebt noch in Lebensgefahr, zwei Leichtverletzte konnten mittlerweile aus einer Klinik auf den Azoren entlassen werden.

Weil das von der Besatzung verlassene Schiff unter deutscher Flagge fährt, koordiniert inzwischen das Havariekommando von Bund und Ländern die Bergung. Und die soll so ablaufen: Die „MSC Flaminia“, die einer niedersächsischen Reederei gehört und im Auftrag des Schifffahrtkonzerns MSC fährt, wird zunächst vom Atlantik in die Nordsee geschleppt. 22 Kilometer westlich Helgolands wirft sie Anker. Feuerwehrleute, Chemiker und Ingenieure untersuchen dann genau den Zustand des Schiffes und der Ladung, zu der auch 150 Container mit gefährlichen Inhalten gehören. Welche Stoffe es sind, wurde bisher nicht veröffentlicht.

Einzelne Container sollen noch auf See umgeladen werden, außerdem werden Treib- und Schmierstoffe sowie das im Rumpf schwappende Löschwasser abgepumpt. Danach wird das Unglücksschiff zum gerade fertiggestellten neuen Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port (JWP) am Rande von Wilhelmshaven geschleppt, wo nach und nach jeder Container entladen und untersucht werden soll. Was dann mit dem Schiff passiert, müsse sich noch zeigen, sagte eine Sprecherin des Havariekommandos.

Neben Helgoland kommt also auch der JWP wieder in die Schlagzeilen. Erst kürzlich musste die feierliche Einweihung des einzigen deutschen Container-Tiefwasserhafens um fast sieben Wochen auf den 21. September verschoben werden, weil in der frisch errichteten Kaimauer rund 300 Löcher entdeckt wurden, die zunächst geflickt werden mussten. Da ist es nicht unbedingt ruffördernd für das niedersächsisch-bremische Milliardenprojekt, wenn als eines der ersten Schiffe ein womöglich umweltgefährdendes Wrack anlegt.

Tourismusmanager und Naturschützer reagieren unterschiedlich auf den ungebetenen Gast. Die Marketinggesellschaft Nordsee GmbH, zuständig für die niedersächsische Nordseeküste und Bremerhaven, zeigte sich am Donnerstag gelassen. „Wir drücken einfach die Daumen, dass alles gut geht“, sagte eine Sprecherin.

Auch der Greenpeace-Experte Jörg Feddern verzichtet auf laute Alarmrufe. Er hätte es zwar besser gefunden, wenn das Schiff nicht erst durch den viel befahrenen Ärmelkanal in die Deutsche Bucht geschleppt würde; aber westlichere Häfen waren zu keiner Nothilfe bereit gewesen. Die jetzige Lösung sei halt die zweitbeste, sagte Feddern.

Kritischer dagegen ist die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste. Ihr Vizechef Gerd-Christian Wagner, zugleich SPD-Bürgermeister von Varel bei Wilhelmshaven, findet laut NDR, dass das Weltnaturerbe Wattenmeer nicht zur „Müllkippe für havarierte Frachter“ gemacht werden dürfe. Auch SPD- und Grünen-Politiker in Niedersachsen und Bremen äußerten ihre Sorge um das sensible Naturschutzgebiet.

Niedersachsens Umweltminister Stefan Birkner (FDP) betonte dagegen im NDR, dass die Bergungsspezialisten genug Zeit hätten, um „sehr planvoll und sehr überlegt“ vorzugehen.

Auch die Sprecherin des deutschen Havariekommandos verbreitet Optimismus: „Es wäre unklug zu sagen: Da kann nichts passieren. Aber wir werden alles tun, um Gefahren zu verhindern.“

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