Welt : Das große Schlachten

Die kanadische Regierung hat 350000 Robben zur Jagd freigegeben – so viele wie nie zuvor

Christine Wetzel

Am Montag haben Jäger in Kanada den Startschuss zur größten Robbenjagd seit fast 50 Jahren gegeben. Mit der ausdrücklichen Genehmigung der kanadischen Regierung begannen die Robbenfänger ihre Streifzüge durch die Eislandschaft von Neufundland auf der Halbinsel Labrador. Die kanadischen Behörden hatten die Zahl der in diesem Jahr für die Jagd freigegebenen Tiere auf 350.000 erhöht. Vor allem die zwischen Grönland und Neufundland lebenden Sattelrobben können gejagt werden. Die Jagdsaison endet Mitte Mai. Bis Ende 2005 sollen rund eine Million Robben getötet werden.

Tierschutzorganisationen sprachen vom größten Robbenschlachten seit 1960; Aktivisten filmten die Jagd auf dem Eis. Laut der Organisation International Fund for Animal Welfare (IFAW) hätten unabhängige Vetrinärmediziner beobachtet, dass Jäger in 79 Prozent der Fälle nicht überprüfen, ob die erschlagenen Tiere auch tatsächlich tot sind. Nachuntersuchungen der Schädel hätten ergeben, dass 42 Prozent wenig oder keine Frakturen aufwiesen. Dies sein ein Hinweis darauf, dass die Robben wahrscheinlich noch gelebt haben, als sie gehäutet wurden. Zwar sollen die Tiere mit einem gezielten Schuss getötet werden, doch um das Fell nicht zu beschädigen, werden die Robben oft nur bewusstlos geschlagen. Viele Tiere entkommen schwer verletzt und verenden dann qualvoll.

IFAW berichtete auch von ungeborenen Jungtieren, die während der Häutung aus dem Körper der Mutter fielen. „Das ist das größte und grausamste Massaker an Meeressäugern auf unserem Planeten“, sagte Rebbecca Altworth von IFAW.

Wegen des Fells begehrt

Das Fischereiministerium begründet die hohe Fangquote mit der starken Zunahme der Population seit den in den 80er Jahren erlassenen Einschränkungen der Jagd. Kanada hatte 1987 das Töten von Jungtieren unter 12 Tagen nach Protesten verboten. Die EU hatte schon 1983 ein Importverbot für Produkte von Babyrobben verhängt, die wegen ihres weißen Fells begehrt sind. Nach den Beschränkungen erholte sich der Bestand.

Von den kanadischen Behörden wird die Jagd daher mit der Bedrohung der Fischbestände durch die Robben begründet. Besonders die Kabeljaubestände waren Anfang der 90er Jahre drastisch zurückgegangen. Gerd Hubold, Leiter der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg sieht jedoch „keinen direkten Zusammenhang“. Zwar fressen Robben zwar auch Kabeljau, „der Zusammenbruch war aber eher eine Überfischungserscheinung durch den Menschen. Robben können dazu beitragen, dass sich die Kabeljaupopulation langsamer erholt. Sie sind aber nicht die Ursache“.

Der ehemalige Fischereiminister Robert Thibault hatte die Tiere im vergangenen Jahr zudem als „natürliche Ressource“ bezeichnet, die rund 12.000 Robbenfängern ein geregeltes Einkommen sichere. Durch die Jagd konnten nach Angaben der „New York Times“ im vergangenen Jahr rund 15 Millionen Dollar eingenommen werden. Trotzdem sei die Robbenjagd ein Zuschussgeschäft. Der Sprecher von Greenpeace Deutschland, Foud Hamdan, nannte die Argumentation der kadischen Behörden „zynisch“. Nach der Überfischung fördere sie nun den Robbenfang, um den dadurch in wirtschaftliche Not geratenen Fischern zu helfen.

Zuvor hatte bei Greenpeace eine Aussage ihres Aktivisten Steven Guilbeault gegenüber der kanadischen Tageszeitung „Le Devoir“ für Verwirrung gesorgt. Guilbeault wurde mit den Worten zitiert: „Die Spezies ist im Gegensatz zu anderen Meeressäugern, für die wir uns einsetzen, nicht bedroht.“ Die Nachrichtenagentur AFP meldete unter Berufung hierauf „Greenpeace toleriert Jagd“. Greenpeace Deutschland erklärte, die Organisation „verurteilt jegliche menschliche Aktivitäten, die die Robben-Bestände schädigen und lehnt das töten der Tiere für den kommerziellen Handel ab“. Schaden für die Organisation wird durch die Meldung von AFP aber nicht befürchtet. „So etwas passiert zwei, drei Mal im Jahr“, sagte Hamdan. Zwar hätten sich am gestrigen Morgen erstaunte Förderer der Organisation telefonisch gemeldet, doch der Sachverhalt sei klargestellt worden: „Die glauben uns.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar