Welt : Das Jahr des Drachen steht für Umbrüche

Harald Maass

Die Regierung ist nervös und merkt wie sie die Herrschaft über die Gedanken ihres Volkes verliertHarald Maass

Von einem Wunder will niemand sprechen. Doch um Wunder geht es an diesem winterkalten Morgen im Jadesee-Park. Rhythmisch tanzen die kleinen Atemwolken, die die alten Menschen ausstoßen, durch die Luft. "Ha! Ha! Ha! Ha!" Die Rentner sind krebskrank, und sie lächeln. Yu Dayuan, den sie Meister Yu nennen, erzählt seine Geschichte: "Vor 22 Jahren sagten mir die Ärzte, dass ich sterben muss - Darmkrebs", berichtet der 63-Jährige. Aber dann entdeckte er, wie man die "schlechten Elemente" durch das Atmen ausstoßen könne. Und jetzt? "Ich lebe immer noch!", sagt Meister Yu und tänzelt wie zum Beweis ein paar Schritte über den hartgefrorenen Boden. Ein Wunder? Einen Moment zögert der Meister, ehe er antwortet: "Nein, Wunder sind ja jetzt verboten."

Die Zeiten in China sind nicht gut, um vom Übernatürlichen zu sprechen, von den Dingen zwischen Himmel und Erde, die laut Meister Yu "Wissenschaftler nicht erklären können". Ein paar Hundert Meter weiter von der Stelle, an der die Krebskranken jeden Morgen ihre Atemübungen machen, traf sich bis vor kurzem auch die Falun-Gong-Bewegung. Mehr als zehn Millionen Anhänger hatte die Heilslehre im Land, ehe Pekings KP-Führer sie im vergangenen Sommer nach einer Massendemonstration verboten. Zehntausende wurden festgenommen, die Anführer zu Haftstrafen von bis zu 18 Jahren verurteilt. So lange musste in letzter Zeit kein Dissident hinter Gitter. Rechtzeitig zum chinesischen Neujahrsfest an diesem Freitag, vor dem der Staat traditionell Härte demonstriert, wurden noch einmal mehrere Dutzend Falun-Gong-Mitglieder schuldig gesprochen. Außerdem wurden mindestens 55 Menschen hingerichtet. "Die Urteile sollen abschrecken", sagt Sophia Woodman von der Hongkonger Menschenrechtsorganisation Human Rights in China. "Die KP ist verunsichert."

Nach zwei Jahrzehnten der Öffnung spüren Maos Erben, dass ihnen die Kontrolle über ihr Riesenreich entgleitet. Diesmal sind es nicht Studenten oder Demokraten, die das Machtmonopol der KP auf den Prüfstand stellen. Es ist das Volk - auf der Suche nach spiritueller Führung. Erstmals seit der Kulturrevolution (1966-76), als China nur den Großen Vorsitzenden Mao anbeten durfte, wenden sich die Chinesen wieder der Religion und dem Aberglauben zu. Mehr als 200 Millionen Gläubige zählen die offiziell anerkannten Religionen. Taoistische Meister, Meditationslehrer, Quacksalber und Wahrsager sind populär wie zur Kaiserzeit. Es ist eine Massenbewegung, die Peking kaum noch unter Kontrolle hat. "Glauben schweißt die Menschen zusammen", sagt Kwok Nai-wang von der Christlichen Fakultät in Hongkong. "Davor hat die KP-Führung Angst."

Jeder Tempel ist registriert

Die Konflikte häufen sich. Anfang Januar flüchtete mit dem Karmapa, dem dritthöchsten Religionsführer Tibets, der letzte einflussreiche Lama ins indische Exil - ein bitterer Rückschlag für Pekings Bemühungen, die Kontrolle über das Himalaja-Land zu gewinnen. Kurz darauf kam es zum Eklat mit dem Vatikan. Gegen den Widerstand des Papstes ließ Peking fünf "patriotische Bischöfe" ernennen. Der vom Heiligen Stuhl bestellte Bischof Han Dingxiang, der für seinen Glauben bereits mehr als 20 Jahre in Gefängnissen verbrachte, wurde kurz vorher zusammen mit drei Priestern der Untergrundkirche von der Polizei verschleppt.

Mit Strafen und Verboten, das merken die Mächtigen, lässt sich die aufkeimende Religiosität jedoch nicht besiegen. Im moslemischen Xinjiang kämpfen trotz harter chinesischer Repressalien uigurische Freiheitskämpfer seit Jahren für ein unabhängiges Ostturkestan. Im Januar kam es in Aksu erneut zu einer offenen Schießerei mit mehreren Toten. Fünf Uiguren wurden vergangenen Monat "wegen Separatismus und Aufruhrs" zum Tode verurteilt. Mit Hinrichtungen, Folter und Zwangsumsiedlungen hat China allerdings seinen Interessen nicht gedient. Immer mehr junge Uiguren, die unter den Chinesen keine Zukunft sehen, schließen sich den Separatisten an. "In gewisser Weise hat Peking den Konflikt selbst provoziert", sagt Dru Gladney, Islamexperte vom Asieninstitut der Universität Hawaii.

Die Religionspolitik steht vor einem Scherbenhaufen. Ende der 70er Jahre erlaubte der Reformer Deng Xiaoping erstmals wieder eine vorsichtige Liberalisierung des Glaubens. Mehrere Tausend in der Kulturrevolution zerstörte Tempel, Moscheen und Kirchen wurden wieder aufgebaut. Priester, Imame und andere Glaubensführer wurden aus den Arbeitslagern befreit und durften in ihre Gemeinden zurückkehren. Seit 1982 steht die Religionsfreiheit in der Verfassung. "Der Staat schützt normale religiöse Aktivitäten", heißt es in Artikel 36. Allerdings wurde auch festgelegt, dass alle religiösen Organisationen und Verbände der Kontrolle der KP unterliegen. Jede Kirche und jeder Tempel muss behördlich registriert werden.

Glaubensfreiheit wird nur gewährt, solange der Staat die Kontrolle hat. Besonders in Südchina, das Maos verordneten Atheismus nie richtig akzeptierte, strömen die Menschen wieder in die Tempel, in den Kirchen der "Patriotischen Katholischen Vereinigung" finden jeden Sonntag Gottesdienste statt. Angesichts der Wirtschaftskrise hat die KP-Führung erkannt, dass Religion durchaus auch nützliche Auswirkungen hat. Buddhismus, Taoismus und der Konfuzianismus haben Chinesen seit Jahrtausenden zu Demut, Fleiß und Staatshörigkeit erzogen. "Grundsätzlich sind wir der Ansicht, dass Religion auch etwas Positives ist", sagt Wang Zuoan, der Vizedirektor des staatlichen Religionsamtes. "Es gibt viele vorbildliche christliche Arbeiter."

Die Bürokratisierung des Glaubens stößt jedoch immer mehr auf Widerstand. Weil China keine diplomatischen Beziehungen zum Vatikan hat, sind Kontakte zum Papst verboten. Die von Rom ernannten Bischöfe werden von der Polizei verfolgt. Millionen chinesischer Christen sind deshalb in den Untergrund geflüchtet.

"Sie sollen uns einfach in Ruhe lassen", empört sich die alte Frau Liu, die aus Angst vor der Polizei ihren vollen Namen nicht nennen will. In einer grauen Altstadtgasse betreibt die 77-Jährige in ihrem Haus eine kleine Kirche. Ein Kohleofen bollert vor einem hölzerner Hausaltar, darauf eine Madonnenfigur, beleuchtet von ein paar Kerzen. Jeden Sonntag treffen sich hier heimlich zwei Dutzend Gläubige zum Gebet. Mehr als tausend solcher Untergrundkirchen soll es allein in Peking geben. Warum gehen sie nicht einfach in eine der öffentlichen Kirchen? Frau Liu winkt abfällig. "Da ist doch alles kontrolliert, da sind lauter Polizeispitzel. Wir wollen hier in unserer Nachbarschaft beten. Das ist doch kein Verbrechen."

Für die nervöse Führung schon. "Der KP geht es nicht um die Religion, sondern um die gesellschaftlichen Freiräume, die dadurch entstehen", sagt Woodman. In den Kirchen Osteuropas formierte sich die Opposition, die schließlich die kommunistischen Regime zu Fall brachte. In China soll eine solche Entwicklung verhindert werden. Egal ob politische Parteien, unabhängige Gewerkschaften oder religiöse Bewegungen: "Außerhalb der KP-Hierarchie werden keine unabhängigen Organisationen geduldet", sagt Menschenrechtlerin Woodman.

Suche nach dem Sinn des Lebens

Die Grenze zwischen Meditation und Religion, zwischen Sportverein und Kultbewegung ist nicht einfach zu ziehen. Schätzungen zufolge gibt es landesweit mehr als 2000 Meditationsschulen und Heilslehren, manche mit mehreren Millionen Anhängern. Oft sind es, wie die als Guolin-Bewegung bekannte Anti-Krebs-Gruppe des Meister Yu, harmlose Abwandlungen des Qi Gong, der traditionellen chinesischen Atem- und Bewegungstechnik. Andere Gruppen, wie der als Geheimgesellschaft organisierte Zhushenjiao (Kult des Höchsten Gottes), warnen vor dem Weltuntergang oder verfolgen politische Ziele. Über die Staatspresse kündigte Peking eine "Säuberung" aller Meditationsgruppen an. Die populäre Zhonggong-Vereinigung ("Chinesischer Weg zur Gesundheit und Intelligenz"), die nach eigenen Angaben 20 Millionen Anhänger zählt, wurde diese Woche als "xie jiao" ("Teufelskult") eingestuft, was einem Verbot gleichkommt.

Aufhalten werden die Verbote den Glaubensboom nicht. Seit Kapitalismus und Korruption die Ideale des Sozialismus diskreditiert haben, sehnen sich immer mehr Chinesen nach einem Sinn im Leben. "Die Menschen suchen Zuflucht in der Spiritualität. Die Zukunft ist ungewiss, viele verlieren ihre Arbeit", sagt der Journalist und Sektenexperte Sima Nan. Vor allem die Alten sind die Verlierer des Wandels. Viele müssen mit einer Minimalrente auskommen. Arztbesuche, die früher der Staat bezahlte, können sie sich nicht mehr leisten. Trost finden sie bei den Heilsbewegungen, die ihnen Gesundheit und geistigen Halt versprechen.

Trotz der staatlichen Hetzjagd tauchen deshalb immer neue Falun-Gong-Anhänger in der Hauptstadt auf. "Je mehr die Regierung die Anhänger unterdrückt, desto mehr macht sie sie zu Märtyrern", kritisiert Sima Nan. Vor zwei Wochen konnte die Polizei gerade noch verhindern, dass Kultanhänger das Mao-Porträt auf dem Tiananmenplatz mit einem Bild des Sektengründers Li Hongzhi überdeckten. Es wäre eine symbolträchtige Aktion geworden: Das Aufkommen von Propheten und Kulten war in Chinas Vergangenheit immer auch ein Anzeichen für den Untergang einer Dynastie. Vor 150 Jahren stürzte die Taiping-Bewegung, deren Anführer sich als Bruder Jesu verehren ließ, das Qing-Kaiserhaus in einen Bürgerkrieg. Doch von solchen Wundern wollen Pekings Mächtige erst recht nichts hören.

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