Welt : "David" meldet alles - ob "losen Teppich" oder "unruhigen Lauf"

JÖRN HASSELMANN

Eigentlich ist es eine Fehlermeldung wie jede andere.Die Diagnose "unruhiger Lauf" erinnert an "Glühbirne defekt".Eine Anzeige von durchschnittlich einem Dutzend, die der Computer nach jeder Fahrt eines ICE an das Betriebswerk meldet.Seit dem Unfall in Eschede jedoch hat die Diagnose "unruhiger Lauf" eine andere Dimension - ein Rad könnte einen Riß oder eine Flachstelle haben.Meldet der ICE-Diagnosecomputer einen "unruhigen Lauf" nach Rummelsburg, wird dort sofort ein Reserveradsatz aus dem Lager gerollt und bereitgestellt.Sicherheit steht im ICE-Werk Rummelsburg an erster Stelle - gleich danach kommt Tempo.Der ICE-Computer namens "David" meldet sich schon von Magdeburg aus - und dann noch einmal kurz vor dem Bahnhof Zoo - im speziell für den ICE 2 gebauten Berliner Werk in Rummelsburg, um die Wartungszeit zu minimieren.Denn Tempo macht die Bahn nicht nur auf ihren Gleisen.

Meist sind es Kleinigkeiten, die auf dem Bildschirm des Zentralrechners aufleuchten.Bei ICE 845 sind es beispielsweise an diesem Tag ein loser Teppich, der Notarztkoffer, der im Bestand ergänzt werden muß, eine Panne im Batterieladegerät - Alltag von Sibylle Wegner.Die Ingenieurin ist Chefin von gut 400 Monteuren und Reinigern in dem erst ein Jahr alten Werk.Wie in einem Computerspiel leuchten die Züge auf ihrem Schirm auf, sie sieht, welcher Zug auf welchem Gleis, weshalb und wie lange noch steht, selbst welche Monteure an ihm arbeiten.So wie der Zug durch das langgestreckte Werk neben den S-Bahn-Gleisen nach Karlshorst rollt - mit den Stationen Einfahrt, Reinigung, Ultraschall, Werkstatt, Ausfahrt -, so wandert der Farbpunkt auch auf den Monitoren weiter.Leuchtet es "rot", ist die Abfahrt in Gefahr.ICE 845 zeigt auch im Computer grün, ist also zeitlich im Plan.

Und der ist eng.Die schnellste Wende, die ein ICE planmäßig in Rummelsburg absolviert, dauert 20 Minuten - natürlich kann in dieser Zeit nur grober Müll aus den Waggons geschaufelt werden.Dann rollt der ICE wieder zum Ostbahnhof, für die nächste Fahrt."Alles ist auf den Fahrplan der Züge abgestimmt", sagt die Chefin.Betrieb herrscht vor allem nachts, denn tagsüber sollen die Züge laufen.Mittlerweile ist der Tagesdurchschnitt eines ICE mit viel Tüftelei auf 1700 Kilometer gesteigert worden, im alten Fahrplan waren es nur 1400 Kilometer.Zeit ist Geld beim ICE, der mittlerweile jede dritte Mark im Fernverkehr einfährt.

Etwa einer der 35 täglich untersuchten Züge wird mit "unruhigem Lauf" in Rummelsburg gemeldet.Dieser wird dann über die "ULM" geschickt, die Anlage, die Radsätze mit Ultraschall, Laser und mit Meßbalken prüft.In 98 Prozent der Fälle ist dann nichts.Denn "David" erkennt unnatürliches Rütteln des Waggons nicht selbst, dies ist in der Regel das subjektive Empfinden des Zugpersonals, das dann vorsichtshalber diese Warnung per Hand in den Computer eingibt.Auch so mancher Fahrgast fragt inzwischen beim Schaffner, wieso es denn rüttele.

Seit der Katastrophe von Eschede gelten auch für die Räder leistungsabhängige Grenzwerte für die Überprüfung.Alle 3500 Kilometer wird das Laufwerk in Augenschein genommen, jeden zweiten Tag also."Dabei wird alles unterhalb des Wagenkastens inspiziert", sagt die Chefin; das dauert dennoch nur maximal 90 Minuten für einen kompletten Zug.Alle 20 000 Kilometer ist auch die Bremsanlage dran, alle 60 000 Kilometer kommt die "große" Revision.Die erkennt Sibylle Wegner natürlich am Computer, aber auch wenn sie einen Blick in die 250 Meter lange Halle wirft: Wenn ihre Monteure in Waggontüren oder Fenstern zu sehen sind, dann ist es eine große Inspektion.Alle 240 000 Kilometer ist ein Zug im Nürnberger Werk.Dort werden dann alle Achsen ausgebaut und die Monobloc-Räder mit Ultraschall auch in der Tiefe des Stahls durchleuchtet.In Rummelsburg erfaßt der Ultraschall nur Schäden an der Oberfläche.

Diese regelmäßige Tiefendurchleuchtung gehört zu den wichtigsten Lehren, die die Bahn aus dem Unglück von Eschede gezogen hat.Heute, am Jahrestag, wird am Unglücksort zwischen 10.55 und 11.05 Uhr kein Zug rollen.Und auch die Chefin in Rummelsburg wird mit ihren Gedanken nicht nur bei ihren Leuchtpunkten sein.



Ein offenes Ohr für jeden



Der Ombudsmann der Bahn für die Eschede-Opfer zieht Bilanz



Er kennt alle 101 Opfer beim Namen.Seit einem Jahr kümmert sich Otto Ernst Krasney als Ombudsmann um die Hinterbliebenen der Katastrophe von Eschede.Fünf Tage nach dem Unglück hatte ihn die Bahn eingesetzt als "neutralen Ansprechpartner und Interessensvertreter"."Ich habe einiges durchgemacht", sagt der pensionierte Richter fast ein Jahr später.Doch keiner weiß besser als er, daß die Angehörigen der Todesopfer und die Verletzten an diesem 3.Juni und in dem Jahr danach noch viel mehr durchlitten haben.

Am 22.Juni 1998 hatte Krasney sein Amt angetreten.Mit Unfällen hatte er viel Erfahrung, mit der Bahn gar keine.Züge kannte der Jurist nur als Vielfahrer mit Bahn-Card.Wer ihn vorgeschlagen hat als Ombudsmann, das weiß er bis heute nicht; offensichtlich hatte sich herumgesprochen, daß er neben seiner Arbeit 40 Jahre lang in der Behindertenfürsorge Not gelindert hatte.

Zehn Millionen Mark Entschädigungen hat das Büro des Treuhänders - so läßt sich Ombudsmann, das von den Schweden erfundene Amt, wohl am besten übersetzen - verteilt.Zudem hatte ihm die Bahn fünf Millionen Mark für die psychosoziale Betreuung der Opfer zur Verfügung gestellt; dazu ein Büro in Frankfurt mit zehn Mitarbeitern."In den ersten Monaten kamen 20 bis 25 Anrufe pro Tag, nun erst lasse es etwas nach.

In drei Phasen teilt Krasney seine Arbeit im Rückblick ein: Direkt nach dem Unglück wurden die Verletzten in Krankenhäusern besucht, und ohne viel zu fragen Überbrückungsgeld ausbezahlt.Kleine unspektakuläre Hilfen, wie die Verlegung in ein Einzelzimmer im Krankenhaus.Viele Ehefrauen suchten Hilfe, weil sie keine Vollmachten für die Konten ihrer Männer hatten, die im Krankenhaus lagen."Man glaubt nicht, wie viele Frauen keine Kontovollmacht haben", staunt Krasney.

In einer zweiten Phase hat Krasneys Büro Entschädigungen gezahlt.Für jedes der 101 Opfer bekamen die Angehörigen 30 000 Mark, die Bahn gewährte, ohne juristisch ihre Schuld einzugestehen, das Dreifache des "normalen Betrages".Dem Tagesspiegel sagte Krasney, daß mittlerweile alle Familien von Opfern das Geld bekommen hätten.In den kommenden Monaten wird sich das Büro des Ombudsmannes um die Betreuung der Schwerverletzten kümmern.Acht kleine Gruppen gibt es, betreut von jeweils zwei Psychologen.Mitte 2000 soll damit Schluß sein , "sonst schaffen wir neue Abhängigkeiten".Bis zum Ende diesen Jahres werde er noch Ombudsmann bleiben, schätzt Krasney.Dann will er seine freie Zeit genießen und Bücher schreiben. Jörn Hasselmann

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