Welt : Der falsche Freund

Bis zuletzt hatten alle gehofft – dann verkündete der Polizeipräsident die Nachricht: Jakob von Metzler ist tot

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Von Karin Ceballos Betancur

und Rolf Obertreis

Das Tor zum Hof der Carl-Schurz-Schule in Sachsenhausen, einem südlichen Stadtteil Frankfurts, ist geschlossen. Herbstferien. Die Sonnenuhr am Haupteingang des Gebäudes bezeichnet einen Zeitpunkt am frühen Dienstagnachmittag, zu dem hier noch niemand weiß, dass der 11 Jahre alte Bankierssohn Jakob von Metzler bereits tot ist. Später wird die Polizei bei einer Pressekonferenz mitteilen, der Junge sei vermutlich schon wenige Stunden nach seiner Entführung am Freitag ermordet worden. Der Tatverdächtige, ein 27 Jahre alter Jura-Student, befindet sich in Untersuchungshaft.

Sie habe Jakob nicht persönlich gekannt, sagt die Schulsekretärin Sylvia Knau den wartenden Journalisten vor der Glastür. Sie selbst könne „gar nichts zu dem Bub sagen", aber in den Arm nehmen wolle sie ihn, als zweite, gleich nach der Mutter, wenn er wieder freigelassen werde, „hoffentlich".

Im Schreibwarenladen Avis an der Schneckenhofstraße, etwa 100 Meter von Jakobs Schule entfernt, seufzt eine Kundin, als sie ihren Einkaufskorb vom Boden hebt. „Ja, schrecklich", sagt sie und murmelt beim Verlassen des Geschäfts: „Man kann nur hoffen, dass sie ihn finden." Die Carl-Schurz-Schule ist eines von drei Sachsenhäuser Gymnasien, die nahe beieinander liegen, im Zentrum des Stadtteils, umgeben von mittelständischen Mehrfamilienhäusern. Zu ihrem Einzugsgebiet gehören unter anderem auch das Villenviertel am Lerchesberg sowie die großzügigen Anwesen am südwestlichen Stadtrand, wo der Frankfurter Privatbankier Friedrich von Metzler mit seiner Familie lebt.

Eine Verkäuferin im Schreibwarenladen sagt, sie sei erstaunt gewesen, als sie hörte, dass Jakob ausgerechnet auf die Carl-Schurz-Schule ging, die als das liberalste der Sachsenhäuser Gymnasien gilt. „Aber das spricht ja für die Familie, dass sie ihr Kind auf eine ganz normale Schule schicken wollten." Sie sagt, es sei an diesem Dienstagnachmittag auffallend still in der Gegend. „Ich sehe keine Kinder auf der Straße."

Im Polizeipräsidium wird den wartenden Journalisten mitgeteilt, die Pressekonferenz verzögere sich um eine halbe Stunde.

Täter mit Beziehungen zur Familie

Ihren exklusiven Charakter gewinnt die Mörfelder Landstraße erst mit steigenden Hausnummern. An der Ecke Stresemannallee, wo Jakob am Freitag zum letzten Mal lebend gesehen wurde, als er aus dem Bus stieg, heißen die Kioske noch „Trinkhalle". Wenige Meter weiter, hinter der Eisenbahnunterführung, wo die Abstände zwischen den Häusern wachsen und die Bürgersteige schmaler werden, gibt es Zeitungen und Zigaretten in der „Büfetterie".

Auf der einen Seite, unweit der Bushaltestelle, lebte der Tatverdächtige, dessen Wohnung an der Teplitz-Schönauer-Straße die Polizei am Wochenende durchsuchte. Auf der anderen Seite bewachen Beamte am Dienstag die Auffahrt zur Mörfelder Landstraße 275. Ein Mannschaftswagen parkt vor dem schweren schwarzen Eisentor. Vom Haus der Metzlers ist nur das Dach hinter einer dichten Rhododendronhecke zu sehen. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, ein Eichhörnchen flitzt über die Straße – ein friedlicher Ort, wie es scheint. Im Radio heißt es, die Polizeipressekonferenz verzögere sich um weitere 15 Minuten.

Jakob muss auf der linken Straßenseite gelaufen sein, als er am Freitagvormittag von der Schule kam, auf dem asphaltierten Fußgängerstreifen, in den die Wurzeln der großen Bäume Wellen drücken. Rechts der Straße grenzt der Wald direkt an die Allee. Auf etwa halbem Weg liegt der Louisa-Park, in dem am Dienstag nur wenige Kinder spielen. „Nein, nicht in den Park", habe die Freundin ihrer achtjährigen Tochter gesagt, als sie mit den beiden Mädchen losziehen wollte, sagt eine junge Mutter, die mit Thermoskanne und Kaffeetasse lesend in der Sonne sitzt. „Bei dem Wetter ist um diese Uhrzeit hier normalerweise mehr los", sagt sie und spricht von einem „blöden Gefühl", das auch sie selbst empfinde, „Panik".

Als die Pressekonferenz der Polizei beginnt, unterbricht der Rektor der Carl-Schurz-Schule seine Telefonate. Den wartenden Journalisten unter der Sonnenuhr hat die Schulsekretärin versprochen, er werde anschließend zur Verfügung stehen. Sollte es noch Fragen geben.

Jakob von Metzler ist tot. Das Bündel, in dem die Polizei aufgrund von Aussagen des Tatverdächtigen seine Leiche vermutet, wurde in der Nähe von Büdingen in einem Gewässer gefunden.

Nach Angaben des Frankfurter Polizei-Präsidenten Harald Weiss-Bollandt ist der Junge wahrscheinlich bereits am Freitag, am Tag seiner Entführung, ermordet worden. Dringend tatverdächtig ist ein 27jähriger Jura-Student aus Frankfurt. Er wurde noch am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt. Nach Angaben der Polizei stammt der Student aus dem privaten Umfeld der Familie von Metzler. „Täter und Opfer haben sich gekannt“, sagte Polizeioberrat Gerhard Budecker, der die Polizeiaktion leitet.

Nach seinen Angaben muss von einem Einzeltäter ausgegangen werden. Über das Motiv könne noch nichts gesagt werden. Hinweise auf ein Sexualdelikt gebe es bislang nicht. Drei weitere Verdächtige wurden am Dienstag wieder freigelassen, weil sich kein dringender Tatverdacht ergeben hatte.

Nähere Angaben über den 27jährigen Jurastudenten machten Staatsanwaltschaft und Polizei nicht. Er sei die Person, die in der Nacht von Sonntag auf Montag am vereinbarten Übergabeort die geforderte Million Lösegeld in Empfang genommen habe. In welcher Weise der Student in Verbindung zur Familie stand, wollte die Polizei nicht sagen. Gerüchte, dass er als Nachhilfelehrer tätig gewesen war, bestätigte sie nicht. Allerdings sagte der Polizeipräsident, dass die Kinder der Familie Metzler empört gewesen seien, „dass der Beschuldigte versucht hat, mit ihnen Freundschaft zu schließen."

Der Polizeipräsident sprach von einem „menschenverachtenden Verbrechen, das in Frankfurt ohne Beispiel ist". Noch am Mittag informierte der Frankfurter Polizeipräsident die Familie über den Fund und den Tod ihres Sohnes. Der 59-jährige Friedrich von Metzler und seine 46-jährige Ehefrau Sylvia hätten mit „bewundernswerter Gefasstheit reagiert“, sagte Weiss-Bollandt. „Sie haben wohl schon mit dem Schlimmsten gerechnet."

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