Welt : Der Film meines Lebens: Filmemacherin Helma Sanders Brahms über "Senso"

Es gibt mehr als einen. Seit meinem ersten Kinobesuch mindestens für jedes Lebensjahr einen. Zur Zeit schwelge ich mal wieder in Kostümfilmen. Am meisten in denen mit den großen Krinolinen unter Wespentaillen, in denen jeder Auftritt ein Ritual ist, jeder Mann eine geballte Ladung männlicher Energie, jede Frau ein Kosmos von Weiblichkeit. Triumph der Erotik, weil unter so vielen Hüllen das Entblössen des Körpers zur atemberaubenden Sensation wird. Sensation. Etwas, das die Sinne reizt, die im gegenwärtigen Kino immer mehr abzustumpfen scheinen. "Senso", italienisch: Sinn wie Sinnlichkeit - nicht der Film meines Lebens, aber für mich der schönste. Des Fürsten und Regisseurs Luchino Visconti. Auf Kassetten nicht erhältlich.

Dieses Meisterwerk! Dieser Gipfelpunkt unter den Kostümschinken, dieses Pfund Bilder-Kaviar, wo andere nur Leberwurst hervorbringen. Schon wie das anfängt: Ein ganzes Opernhaus voller Menschen, rauschhafte Opernmusik brandet auf, hoch von den Rängen herab schneit es weisse Papierblätter. Aufrufe zum Freiheitskampf der Seite der Aufständischen: Eine edle Gräfin in edelsten Krinolinen. Mit denen rast sie, die Verlorene, in die Arme des Feindes.

Der ist jung und schön und Österreicher. Ihm verfällt sie, oh, wie sie verfällt! Die Kriegskasse der Aufständischen gibt sie ihm hin, alles, woran sie geglaubt hat. Aber er, schön und ruchlos, wirft alles den Huren in den Rachen, und es macht ihm noch Spass, die edle Gräfin zu verhöhnen. Aber in was für Farben! Was für Bildern! Wenn dieser Film ein Meer wäre, könnte man darin untergehn. Aber das muss ja nicht sein. Ihn wiederzusehen, würde mir schon genügen.

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