Welt : Der Kannibale träumte von Familie

Frühere Freundinnen schildern vor Gericht das Wesen des Angeklagten Armin Meiwes – er wünschte sich immer Kinder

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Kassel/Berlin. Der Lebenswunsch des „Kannibalen von Rotenburg“, einen Menschen zu essen, der sich ihm freiwillig opferte, war offenbar nicht sein einziger. Armin Meiwes, dem seit Dezember vergangenen Jahres in Kassel wegen Mordes der Prozess gemacht wird, weil er einen Ingenieur aus Berlin getötet, zerlegt und teilweise gegessen hat, träumte daneben von einem bürgerlichen Leben und Familienglück.

Neben Opfern für seine Gewaltfantasien suchte der Angeklagte gleichzeitig eine Frau fürs Leben und wollte viele Kinder haben, schilderten zwei Frauen am Freitag vor dem Kasseler Landgericht – und betätigten damit Meiwes’ Aussagen vom ersten Verhandlungstag, als er sich dem Gericht und der Öffentlichkeit als kinderlieber Mensch und möglicher liebevoller Vater präsentierte. Die familiäre Geborgenheit, nach der Meiwes sich sehnte und die ihm selbst als Kind getrennter Eltern fehlte, fand er in den vergangenen Jahren bei Nachbarn und Bekannten sowie deren Kindern. Der Aufbau einer festen Beziehung zu einer Frau aber, die er am liebsten zu sich ins Haus genommen hätte, scheiterte stets.

Die beiden Zeuginnen schilderten Meiwes am achten Tag des Kannibalismus-Prozesses als freundlichen, hilfsbereiten und Kindern sehr zugewandten Mann, der sich sehr nach einer eigenen Familie gesehnt habe. Bei beiden Frauen habe er indes vergeblich versucht, eine feste Partnerschaft aufzubauen. Unter anderem standen seine ebenfalls offen geäußerten homosexuellen Neigungen dem Familienglück im Weg.

Eine 39 Jahre alte Frau sagte aus, sie habe eine Beziehung abgelehnt, als Meiwes ihr von seiner Homosexualität berichtete. „Er machte einen sehr kindlichen Eindruck wie er mit den Kindern spielte, er war selber ein Kind“, sagte die Zeugin. „Ich habe gemerkt, dass er sich wohl gefühlt hat bei uns in der Familie.“ Armin Meiwes allerdings hat ein anderes Bild davon, warum die Freundschaft in die Brüche ging. Er hatte dem Gericht erzählt, die Frau habe sich sterilisieren lassen wollen – eine gemeinsame Zukunft sei deshalb für ihn nicht in Frage gekommen. Auch eine Nachbarin berichtete, Meiwes habe Interesse an ihr gezeigt. Er habe auch ihr gegenüber den Wunsch geäußert, zu heiraten und mit ihr viele Kinder zu haben.

„Armin ist ein sehr gefühlsbetonter und sensibler Mensch.“ Bei den Nachbarn in dem kaum 30 Einwohner großen osthessischen Wüstefeld war Meiwes den Frauen zufolge sehr beliebt. „Er nahm am Familienleben teil und passte auf die Kinder auf“, sagte eine Zeugin. Man setzte sich zum Kaffee oder Fernsehen zusammen. Wenn Hilfe benötigt wurde, war er zur Stelle. Den in seinem Haus eingerichteten „Schlachtraum“ und die im Computer gespeicherten Gewaltbilder bekam niemand zu Gesicht. Nur über Meiwes Homosexualität sei gemunkelt worden.

In seiner Kindheit sei Meiwes ein ganz normaler Junge gewesen, schilderte einer seiner beiden älteren Halbbrüder in einem vor Gericht verlesenen Vernehmungsprotokoll. Die Aussage vor Gericht verweigerte der 48-Jährige hingegen. „Er hat gerne Modellhäuser gebastelt und im Garten gespielt.“ Ein besonderes Interesse an Gewalt oder dem Schlachten von Tieren habe er bei seinem Bruder nie festgestellt. „Er war ein ganz normaler Typ, er hat sich auch mal mit anderen geprügelt.“ Über Kannibalismus habe er nie gesprochen. Als er von der Tat erfahren habe, sei er fassungslos gewesen. Meiwes ebenfalls als Zeuge geladener Vater erschien am Freitag wegen Krankheit nicht.

Meiwes trat vor Gericht am Freitag abermals ruhig und gefasst auf, ganz so, wie er den Prozess auch begonnen hatte. Ein psychiatrisches Gutachten, das ihn für gesund erklärte, stärkte die Linie seiner Verteidigung, bei seiner Tat habe sexuelle Lust nicht im Vordergrund gestanden. Dies aber muss die Staatsanwaltschaft nachweisen, damit Meiwes wegen Mordes verurteilt werden kann. Sonst kommt nur eine Verurteilung wegen Totschlags in Betracht – oder sogar nur wegen einer Tötung auf Verlangen, die maximal mit fünf Jahren Haft bestraft wird.

Der Angeklagte glaubt offenbar fest daran, einem Mord-Urteil entgehen zu können, das macht ihn so gelassen. Manchmal scheint es, als genieße er es, dass seine Abgründe nun öffentlich verhandelt werden. In einem am Freitag verlesenen Brief an eine Nachbarin erklärte Meiwes allerdings, den Rummel um ihn und die Sensationsgier der Zuschauer finde er scheußlich. Ihm sei es peinlich, dass er den Leuten so schlimme Worte zumuten müsse. „Wenn ich allein bin, bin ich ein Häufchen Elend“, hieß es darin. dpa/neu

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