Welt : Der mächtigste Mäuserich der Welt

HELMUTH RÄTHER RUDOLF GRIMM

Der Geburtstag steht fest: Am 18.November 1928, am morgigen Mittwoch vor 70 Jahren also, erschien die Maus mit den großen Ohren erstmals als Comic-Figur in "Steamboat Willie".Die Zeugung vom Micky Maus ist hingegen von Legenden überwuchert und nicht mehr zu klären - vor allem, weil der Schöpfer, Walt Disney, Legenden immer für wichtiger hielt als Tatsachen und auch seine Legenden dauernd durch neue ersetzte.

Der damals 26jährige Disney brauchte 1928 dringend einen Erfolg, denn er war fünf Jahre vorher in seiner Heimatstadt Kansas City pleite gegangen - mit einem Einmannunternehmen, das Cartoons und Reklamezeichnungen für alle Gelegenheiten lieferte.Im damals staubigen Hollywood, wo er mit 40 Dollar in der Tasche landete, schien es lange nicht viel besser zu laufen - außer daß sein sieben Jahre älterer Bruder Roy anfing, in der gemeinsamen Firma den Daumen auf der Kasse zu halten.Schon im ersten Micky-Cartoon war Minni Maus als Ko-Star dabei.Pluto kam 1930 dazu, Goofy 1932.1934 hatte Donald Duck seinen ersten Auftritt, der dann im Zweiten Weltkrieg den Mäuserich mit den roten Shorts und den gelben Schuhen in der Popularität noch überholte.

Die Disney-Brüder entwickelten auch die Idee, Micky und ihre anderen Figuren auf jede mögliche Weise und weltweit zu vermarkten."Synergy" wurde ein Begriff, den später alle amerikanischen Betriebswirtschaftsstudenten zu pauken hatten.Zahllose andere Unternehmen in ganz anderen Branchen machen heute Tag für Tag Millionen mit dieser Strategie.Sie mußten und müssen nur aufpassen, daß sie Disney nicht ins Gehege kommen: Das längst zum Weltkonzern gewordene Unternehmen hat schon früh die teuersten Anwälte damit beschäftigt, seine Urheberrechte zu verteidigen.

Den heute so gängigen Begriff Globalisierung gab es im Geburtsjahr von Micky Maus noch nicht.Das weltweit beliebte Kunstprodukt Disneys ist aber im Laufe der Jahre so etwas wie ein mächtiger Vorkämpfer kultureller Globalisierung geworden.Bald war es weltweit so berühmt wie das schon vier Jahrzehnte ältere amerikanische Industrieprodukt Coca Cola.Nicht nur die professionelle Vermarktung haben den Mäuserich bis in den letzten Winkel der Erde bekannt gemacht.Sein Erfolg beruht vor allem auch darauf, daß er eine Figur ist, mit der sich Menschen aller Kulturen, Kinder und Erwachsene irgendwie identifizieren können.Auch die geniale zeichnerische Gestaltung und die begleitenden Ideen wirkten und wirken mit.

Der deutsche Regisseur Karl Ritter äußerte sich 1930 in der "Filmwoche" begeistert über Micky als konzentrierte Lebensfreude und Lebenselixier.Auch der Philosoph Theodor W.Adorno schätzte die frühen, vor allem phantastischen und grotesken Filme.Für den Wiener Schriftsteller H.C.Artmann war Disney "der einzige Mensch, der es heutzutage noch versteht, ordentlich die Welt zu betrachten".

Der renommierte US-Medienwissenschaftler John Fiske wurde unlängst von der Berliner Zeitschrift für Kommunikation "montage/av" mit den Worten zitiert, daß die Kultur, in der die meisten Menschen leben, die Kultur, die sie beeinflußt, die für sie am wichtigsten ist, nicht die sogenannte Hochkultur sei, sondern Populärkultur.Und gerade zu dieser gehören die Disney-Figuren, die in den 50er Jahren von einigen Kritikern noch hochnäsig als "Promitivkultur" abgetan wurden.

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