Welt : Der Mörder mit der Tarot-Karte

Tötet er aus sportlichem Ehrgeiz? Auf den Serienkiller von Washington passt kein Täterprofil. Das macht die Angst vor ihm nur noch größer

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Von Malte Lehming, Washington

Er hatte sich ins Gras gelegt, das Gewehr im Anschlag. Wen er als nächstes töten würde, war ihm egal. Nur eins war klar: Diesmal musste es ein Schüler sein. Die Schule lag etwa 150 Meter entfernt. Am Abend zuvor, auf einer Pressekonferenz, hatte ein Polizist behauptet, die Schulen seien sicher. Das hat den Serienmörder offenbar gereizt. Sicher? Vor ihm? Kurz vor acht Uhr wurde am Montagmorgen ein 13-Jähriger in Bowie von seiner Tante vor der Schule abgesetzt. Der Scharfschütze drückte ab. Das Projektil vom Kaliber 223 durchschlug die Brust des Jungen. Schwer verletzt wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert. Ob er überlebt, ist noch unklar.

Innerhalb einer Woche hat der unheimliche Schütze acht Mal zugeschlagen – so präzise wie wahllos. Sechs Mal traf er tödlich. Seitdem sind die Menschen, die im Norden Washingtons sowie in den angrenzenden Bezirken Montgomery und Prince Georges leben, in Panik. Schulen gleichen Festungen. Permanent kreisen Hubschrauber, Hunderte Polizeibeamte sind im Einsatz. Unterrichtet wird hinter herabgelassenen Jalousien. Eltern heißen die Vorsichtsmaßnahmen gut. Bei Schülern indes verstärken sie oft die Angst. Schlafstörungen sind die Folge, Apathie und Aggressionen. Psychologen fällt die Erklärung leicht. Sämtliche Traumata, die vor einem Jahr am 11. September ausgelöst worden seien, würden schlagartig reaktiviert. Ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit überfalle die Menschen. Erst der Terror, dann die Anthrax-Briefe, nun ein Amok laufender Psychopath: Urvertrauen werde durch diese Serie erschüttert.

Entsprechend wild schießen die Spekulationen ins Kraut. Als Täter werden Terroristen vermutet oder Gegner eines Irak-Krieges. Die Theorie über eine „internationale Verschwörung" kursiert. Andere machen Filme und Computerspiele verantwortlich. In der Fernsehserie „Homicide", die im Sommer wiederholt worden war, liefen zwei Folgen über einen brutalen Scharfschützen. Und in einem Videospiel mit dem n „Silent Scope" können Jugendliche geradezu trainieren, Menschen aus dem Hinterhalt zu erschießen. Vor fünf Jahren knallte ein 14-Jähriger im US-Staat Kentucky drei Mitschüler ab und verwundete fünf weitere. Der Junge hatte nie zuvor eine Waffe in der Hand gehabt. Trotzdem traf er äußerst zielgenau. Das hatte er allein durch Videospiele gelernt.

Der Scharfschütze von Washington dürfte kein Minderjähriger sein, aber in eines der bekannten Täterprofile will er nicht passen. Ihm scheint es in erster Linie Spaß zu machen, den Kriminalexperten zu beweisen, dass er aus weiter Entfernung töten kann, ohne erwischt zu werden. Im Unterschied zu anderen Massenmördern bereitet es ihm offenbar keine Genugtuung, seine Opfer leiden zu sehen. Nicht Wut treibt ihn an, sondern eine Art sportlicher Ehrgeiz. „Aus der Entfernung hört er kaum die Schreie seiner Opfer", sagt James Alan Fox, ein Professor für Kriminalistik. „Die meisten Massenmörder drehen einfach durch. Dieser hier scheint eher stolz darauf zu sein, die Polizei überlisten zu können. Das ist ein Spiel für ihn."

Im Gras vor der Schule, wo der Täter am Montag auf sein Opfer gewartet hatte, fand die Polizei nach Medienberichten eine Tarot-Karte. Diese war versehen mit einer Botschaft: „Lieber Polizist, ich bin Gott." Es war die Tarot-Karte, die den Tod symbolisiert. Ein schwarzer Ritter reitet auf einem weißen Pferd. Neben einer leeren Patronenschachtel ist das bislang der einzige konkrete Hinweis auf den Täter. Bei der Telefon-Hotline sind zwar schon mehr als 1400 „glaubwürdige Hinweise" eingegangen, die Belohnungssumme für die Ergreifung des Täters wurde auf knapp eine Viertel Million Dollar erhöht. Doch die Ermittler kommen nicht voran. „Es kann ein Timothy McVeigh sein, oder ein Osama bin Laden", sagt einer von ihnen, „wir wissen es nicht." Der Killer aber sitzt vielleicht am Abend vor den Fernsehnachrichten und sieht befriedigt, welche Panik er verbreitet und wie selbst dem Polizeichef Tränen über die Wange laufen.

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