Welt : Der schwierige Weg in die Normalität

Eine Woche nach dem Massaker hat die Universität in Virginia wieder ihre Vorlesungen aufgenommen

Rita Neubauer

32 weiße Lufballons für jedes der Opfer, gefolgt von 1000 Ballons in den Schulfarben Orange und Braun stiegen am Montagmorgen in den blauen Himmel über Virginia Tech in Blacksburg auf. Ein Glockenschlag für jeden der 27 Studenten und fünf Lehrkräfte, die vor einer Woche bei dem blutigsten Amoklauf in der Geschichte der USA ums Leben kamen, hallte über das Gelände, wo sich Hunderte zu einer schweigenden Andacht eingefunden hatten.

Zwar stehen weiterhin Begräbnisse und Gottesdienste für die Opfer an, in den USA wie auch in anderen Ländern, Peru, Israel, Kanada und Indien, woher einige der Opfer kamen. Doch die Universität ging am Montag erste Schritte in Richtung Normalität, nachdem sie den Unterricht vor einer Woche suspendiert hatte. Obwohl niemand zu sagen wusste, wie viele der 23 000 Studenten auf den Campus zurückkehren würden, dessen Idylle durch mehr als 100 Schüsse zerstört worden war. Die Universität beschwört den „Hokie Spirit“, das Sich-nicht-unterkriegen-Lassen. „Hokie“ ist der Schlachtruf der Uni bei ihren Sportveranstaltungen.

Zurückkehrende Studenten, viele in Begleitung ihrer Eltern, begrüßten sich mit Umarmungen. Obwohl Tränen flossen, kehrte Leben zurück an einen Studienort, der in der vergangenen Woche wie ausgestorben war. „Wir sind noch im Trauerprozess, aber Bemühungen wie diese Veranstaltung helfen uns, den Heilungsprozess voranzutreiben“, sagte ein Unisprecher nach einem Gottesdienst für die Ermordeten. Schon am Sonntag, als noch in Washington Studenten 33 Kerzen in die National Cathedral trugen, wurden die Sportveranstaltungen an der Hochschule wieder aufgenommen. Eine schwierige Entscheidung nach Meinung von Sportdirektor Jim Weaver, doch die Spiele sollen helfen, „die Wunden zu heilen“.

Auf dem Campus-Gelände selbst spielten am Wochenende Studenten Frisbee, während an anderer Stelle Gedenkstätten aus Blumen, Kerzen und Steinen an die Toten erinnern. Fotos der toten Studenten und Lehrkräfte zieren die Fensterbänke der Kirche. Nicht weit davon entfernt genossen Studentinnen in Bikinis die Sonne nach Tagen der Kälte.

„Es ist nicht einfach, wieder an die Uni zurückzukehren“, erklärte Sheena Phillips, eine 19-jährige Studentin, die Virginia Tech nach dem Massaker verlassen hatte. „Ich bin schon etwas besorgt.“ Dennoch wollte sie das Angebot der Uni, den Rest des Studienjahres zu Hause zu verbringen und auf Examensarbeiten zu verzichten, nicht annehmen.

Auch ihre Studienkollegin Kimberly Mellon, die Ryan Clark, eines der Opfer, kannte, will ihre Studien fortsetzen und im Mai ihren Abschluss machen. „Es wäre falsch, sich davon unterkriegen zu lassen“, erkläre sie Reuters. Psychologen sollen den Studenten über die nächsten Tage zur Seite stehen. Viele Professoren begannen ihren Unterricht mit einer Reflexion über die Bluttat, damit die Vorgänge bewältigt werden können.

Als Reaktion auf das Massaker erwägt der Kongress ein Waffenverbot für psychisch Kranke. Jegliche Änderung der Waffengesetze hat sich wegen der einflussreichen Lobby bislang als schwierig erwiesen. Aus dem republikanischen Lager, das traditionell gegen eine Verschärfung der Waffengesetze votierte, zeigen sich nun mehrere Vertreter offen für eine Änderung. Im Abgeordnetenhaus arbeiten zwei demokratische Volksvertreter an einem entsprechenden Gesetz. Es sieht vor, dass die Bundesstaaten Gelder erhalten sollen, um das automatische Überprüfungssystem zu aktualisieren, so dass auch potenzielle Waffenkäufer mit psychischen Krankheiten erfasst würden.

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