Welt : Der Sieg der Tochter über die Mutter

Die Milliardärin und L’Oreal-Erbin Liliane Bettencourt ist entmündigt worden

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Bösartiger Streit. Liliane Bettencourt und Tochter Francoise. Foto: Reuters
Bösartiger Streit. Liliane Bettencourt und Tochter Francoise. Foto: ReutersFoto: Reuters

Liliane Bettencourt hat damit gedroht, Frankreich zu verlassen. Sie, die reichste Frau des Landes und laut „Forbes“ die drittreichste der Welt, fürchtet zu ersticken, wenn sich ihre Tochter um sie kümmert. „Wenn es dazu kommt, gehe ich ins Ausland“, hat sie am Wochenende dem „Journal du Dimanche“ gesagt. Am Montag war es so weit. Ein Vormundschaftsgericht in Courbevoie bei Paris hat die Erbin des Kosmetikkonzerns L’Oreal entmündigt. Zu ihrem Vormund bestellte das Gericht ihren Enkel Jean-Victor. Mit der Verwaltung ihres Milliardenvermögens beauftragte es ihre Tochter Francois Bettencourt-Meyers und ihren anderen Enkel Nicolas. Doch Madame Bettencourt wird wohl nicht ins Ausland ziehen. Sie könnte sehr wohl ihre Villa im Pariser Vorort Neuilly oder ihre Wochenendresidenz in der Bretagne verlassen und sich irgendwo sonst niederlassen, wo sie ihre Tochter nicht sehen muss, der sie aber auch sonst nicht begegnet, obwohl diese nur ein paar Schritte von ihr entfernt auf der anderen Straßenseite wohnt.

Aber die Ausgaben für einen Umzug ins Ausland müssten ihre Vormünder – ihre Tochter und deren Söhne, ihre Enkel – genehmigen, was wohl kaum anzunehmen ist. Die Anwälte der alten Dame haben gegen die Entscheidung des Gerichts Berufung eingelegt. Aufschiebende Wirkung hat das aber nicht. Die Wahrnehmung der unternehmerischen Interessen an L’Oreal, an dem Bettencourt über die Familienholding Thétys mit 30 Prozent als größter Anteilseigner vor dem Schweizer Nestlé-Konzern beteiligt ist, wird das nicht beeinträchtigen. In einem Kommuniqué betonten die drei Vormünder das „tief verankerte Engagement der ganzen Familie“ an dem Kosmetik-Konzern. Die von Tochter Francoise beantragte Entmündigung der fast 89-jährigen Milliardärin ist ein neuer Höhepunkt in einem Familienstreit, in dem es nicht nur um das unversöhnlich erscheinende Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrer Tochter geht, sondern auch um geldgierige Freunde, Steuerhinterziehung, Bestechung und illegale Wahlkampfspenden. Dass das meiste davon den Horizont der von Krankenschwestern, Zofen, Dienern und Köchen, Gärtnern, Buchhaltern und Vermögensberatern umgebenen Frau überstieg, ist angesichts ihres hohen Alters und des daraus resultierenden verminderten Wahrnehmungsbewusstseins durchaus anzunehmen. Im Juni hatten Ärzte in einem Gutachten, dessen Inhalt vor dem gestrigen Gerichtstermin in die Zeitung „Le Monde“ gelangte, bei ihr einen Zustand aus einer Mischung von Altersdemenz und Alzheimer festgestellt.

Schon 2009 hatte die Tochter ein Verfahren zur Entmündigung der Mutter angestrengt und zugleich eine Klage gegen einen langjährigen Hausfreund, den als Salonlöwen bekannten Künstler Francois-Marie Banier angestrengt. Ihm hatte Liliane Bettencourt Gemälde, Immobilien, Lebensversicherungen und Bargeld im Wert von einer Milliarde Euro geschenkt. Nach Ansicht der Tochter hatte er die Altersschwäche der Mutter ausgenutzt, um sich zu bereichern.

Bevor es 2010 zum Prozess kam, den Bettencourts Vermögensverwalter mit Hilfe des Elysée-Palastes vergeblich zu verhindern gesucht hatte, platzte eine Bombe. Aus Tonaufzeichnungen, die der Majordomus heimlich von Gesprächen der Milliardärin mit ihrem Vermögensverwalter gemacht hatte und die an die Öffentlichkeit gelangt waren, ging unter anderem hervor, dass ein paar Millionen Euro der Milliardärin illegal in der Schweiz gebunkert waren, der damalige Haushaltsminister Eric Woerth als Kassenwart in Sarkozys Wahlkampf 2007 unerlaubt Spenden entgegen genommen hatte und der Vermögensverwalter dafür, dass er die Frau des Ministers beschäftigte, einen Orden der Ehrenlegion bekam. Die steuerlichen Delikte sind abgearbeitet, die gerichtliche Klärung der anderen Vorwürfe steht noch aus.

Ende vergangenen Jahres hatten Mutter und Tochter Bettencourt einen Anlauf genommen, den Familienstreit zu begraben. In einem Abkommen sagte die Mutter zu, dass sie den Umgang mit Banier aufgebe und dieser die Geschenke zurückzugeben habe. Ferner wurden Modalitäten zur Wahrnehmung der Interessen im Aufsichtsrat von L’Oreal und der Vermögensverwaltung vereinbart und die Tochter sah davon ab, die Mutter entmündigen zu lassen. Der Friede dauerte nur ein paar Monate. Im Frühjahr klagte die Tochter erneut, diesmal gegen den mit den Interessen der Mutter befassten Anwalt. Er soll ihr zu einer Investition von mehreren hundert Millionen Euro in eine Gesellschaft geraten habende, für die er gleichzeitig als Anwalt tätig ist. Die Klage wegen Interessenkollision führte kürzlich zu einer richterlichen Durchsuchung der Kanzlei des Anwalts – und zu dem neuen Verfahren zur Entmündigung der Milliardärin.

Liliane Bettencourt ist eine der 700 000 Personen in Frankreich, die wegen Krankheit, geistiger Behinderungen oder Alterschwäche unter Vormundschaft stehen. Über den juristischen Schutz von Menschen, die zur Wahrnehmung ihrer Rechte Beistand oder eine Vertretung brauchen, entscheidet ein Gericht auf der Grundlage von ärztlichen Gutachten. Über ihr Vermögen können sie nicht mehr frei verfügen. Sie dürfen nicht mehr wählen und können auch nicht gewählt werden. Es ist, wie es in einem Kommentar zum entsprechenden Paragrafen im Code Civil heißt, „eine Art bürgerlicher Tod“.

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