Welt : Der Spion und die Katze

Der Stasi-Agent Jens Karney wurde von den USA entführt – jetzt ist er zurück in Berlin

Jürgen Schreiber

Die Katze, die Jens Karney noch in Berlin hatte, erkannte ihn nicht wieder. Nach knapp zwölf Jahren Haft im amerikanischen Miltitärgefängnis Fort Leavenworth sah der frühere Stasi-Spion und Air-Force-Soldat jetzt seinen Kater in Köpenick wieder, doch „Peter der Große" flüchtete: „Der versteckt sich und versucht mich zu kratzen."

Um genau zu sein: Elf Jahre, sieben Monate und 20 Tage Knast liegen hinter dem Mann mit dem Tarnnamen „Kid" (wie Kind). Nach der Wende verrieten ihn vom Ministerium für Staatssicherheit ausgerechnet jene Offiziere an die Amis, mit denen der heute 39-Jährige im Dienste des Sozialismus bei der „Informationsgewinnung aus ausgewählten Funknetzen der US-Besetzer in Westberlin" die Lauscher gestellt hatte. Obwohl er nach der Haftentlassung in Ohio recht und schlecht als Fabrikarbeiter lebt, ist er bereit, es „vielleicht als gerecht" zu bezeichnen, dass er als Verräter ebenfalls von Verrätern verraten worden sei. „Ich denke jetzt so!"

Teuer erkauften Tips aus der Stasi-Szene folgend, kidnappte am 21. April 1991 ein Greifkommando des Air-Force-Abwehr- dienstes den weltweit gesuchten Karney vor seiner Ost-Berliner Wohnung. Special agents identifzierten ihn auf der Stelle an auffallenden Tätowierungen als den gebürtigen Amerikaner Jeffrey M. Carney. Ursprünglich in Marienfelde stationiert, hatte sich der Feldwebel dem MfS angedient, das in dem 19-Jährigen eine leicht verführbare, menschliche Quelle erkannte. „Kid" schleppte über 100 Top-Secret-Papiere an, darunter Dossiers zur „Desorganisation der Systeme der Warschauer Vertragsstaaten im funkelektronischen Kampf". Der von ihm verursachte Schaden durch Preisgabe hochkomplizierter Pläne betrug 14,5 Milliarden Dollar.

1985 war der damals nach Texas versetzte Air Man desertiert und in einer diffizilen Rückholaktion über Kuba nach Ost-Berlin geschleust worden. Von dort verschleppten ihn seine Häscher, flogen ihn nach den USA aus, wo die Militärs kurzen Prozess machten und ihn wegen Spionage zu 38 Jahre Haft verurteilten. Ende 2002 wurde einer der am höchsten bestraften Mitarbeiter Markus Wolfs vorzeitig entlassen.

Dem Tagesspiegel hatte Carney dann gemailt: „Ich bin wieder frei". Es war die Rück- meldung eines Vergessenen, seine skandalöse Entführung (ein eklatanter Bruch der völkerrechtlichen Souveränität Deutschlands), war zwar von „Focus“ und dieser Zeitung enthüllt worden. Aber weder die Bezugspersonen vom MfS noch das Außenministerium kümmerten sich um den Verurteilten. Jetzt kam Karney für einen ZDF-Auftritt bei „Kerner" nach Deutschland, gibt fleißig Interviews und versucht, wieder an einen deutschen Pass zu kommen. Er habe sich der Hilfe von Rechtsanwalt Gregor Gysi versichert, seine Akte übergeben, erzählt Karney in der Köpenicker Wohnung eines Freundes.

Mielkes Firma hatte ihm eine Ost-Identität verschafft. Sein DDR-Ausweis wäre bis 15. Dezember 1999 gelaufen. Am 7. März 1991 erhielt er einen Bundespass, den der mittlerweile zum U-Bahn-Fahrer umgeschulte Karney als Lebensversicherung ansah.

In Berlin stand noch Kids „Großes Schulwörterbuch" Deutsch-Englisch, Langenscheidt 1977, im Regal, ein Geschenk der Stasi. Aber in welcher Sprache Karney seinen 17 Jahre alten Kater „Peter der Große" auch lockte, er kam nicht unterm Bett hervor.

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