Welt : Der Trophäen-Jäger

Für Tom Cruise steht der „Oscar“ ganz oben auf der Wunschliste. Mit „Minority Report“ geht er wieder ins Rennen

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Von Sassan Niasseri

Es passiert nicht oft, dass jemand wie Steven Spielberg 20 Jahre auf ein geeignetes Projekt wartet, nur damit er es mit seinem Lieblingsschauspieler verfilmen kann. 1983, Spielberg besuchte einen Drehort, traf er auf den noch unbekannten Tom Cruise. Wenig später, so die Legende, war er von den Fähigkeiten des Jungschauspielers überzeugt: „Irgendwann einmal drehe ich einen Film mit dir". Wenn ein Regiegenie wie Spielberg so etwas sagt, halten nicht nur die Filmstudios für einen Moment inne. Tom Cruise wird gespürt haben, jetzt steht ihm die Zukunft offen. Alles nur eine Frage harter jahrelanger Arbeit.

Am kommenden Donnerstag läuft der Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ in den deutschen Kinos an, das lang angekündigte Filmprojekt mit Spielberg. Aus dem bubengesichtigen Cruise von 1983 ist der größte Star Hollywoods geworden, seine Zusammenarbeit mit Spielberg: ein Gipfeltreffen. Damit nährt der 40-Jährige erneut seinen Ruf als „ehrgeizigster Schauspieler seiner Generation“ (Paul Newman), der sich seinen Platz in der Filmgeschichte systematisch über die Reputation seiner Regisseure erkämpft. Seit Karrierebeginn hat Cruise mit nahezu allen heute wichtigen Filmemachern gedreht, mit Stanley Kubrick, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, P. T. Anderson. Dazu nutzt er sein Gespür für Blockbuster, durch actionbetonte Rollen wie in „Mission Impossible“ behält er seinen Marktwert unter Kontrolle, wurde er zum bestbezahlten Schauspieler: 30 Millionen Dollar Gage für „Minority Report“ plus Gewinnbeteiligung am Einspielergebnis. In diesen Lohnhöhen ist es einsam, in der von Finanzierungskrisen geplagten Filmindustrie darf heute nur noch Tom Hanks eine ähnliche Gage fordern.

Dass ausgerechnet Cruise zur Schauspielergröße aufgestiegen ist, bis heute sogar drei Mal für den „Oscar“ nominiert wurde, führen Filmkritiker auf seine Penetranz zurück, nicht auf seine darstellerische Leistung, die nämlich halten sie für überschätzt. Der Filmkritiker Michael Althen schreibt, was viele ähnlich sehen: dass Cruises Ehrgeiz sein Talent bei weitem übersteigt, „er aber mit einer solchen Hingabe an sich arbeitet, dass man nicht anders kann, als ihn zu bewundern".

Sein Image als Sonnyboy, der alle Gefahren einfach mit seinem Markenzeichen-verdächtigen Grinsen ausspielt, verfolgt ihn bis heute, sein noch immer bekanntestes Foto zeigt ihn 1986 in Fliegeruniform und mit zuversichtlich hochgestrecktem Daumen, die „War is Easy"-Kampfpose, die er in dem Militärstreifen „Top Gun“ einnahm – ein bescheuerter Film, für den ihn später Paul Newman, sein Schauspielpartner in „Die Farbe des Geldes“, zu Recht in die Mangel nahm. Der politisch engagierte Newman empfahl Cruise, die Hauptrolle in „Geboren am 4. Juli“ zu übernehmen, der Biographie des Vietnam-Veteranen und geläuterten Pazifisten Ron Kovic.

Der entscheidende Moment in Cruises Karriere. Seitdem dreht er Charakterfilm auf Actionfilm. Später verfeinerte er diese Formel, attackierte seinen eigenen Strahlemann, indem er sich Rollen zuschneiden ließ, in denen er seine Wandlung vom Macho zum Lebenszweifler über eine volle Filmlänge entfalten durfte, wie in „Magnolia“ (1999).

So vertreffsicherte Cruise über die Jahre seine Rollenauswahl, vergrößerte seinen Einfluss – und spielte seine Macht gegenüber verzweifelten Regisseuren aus, indem er Filme nach seinem Belieben umschnitt. Die „Mission Impossible"-Regisseure Brian de Palma und John Woo, die in Hollywood kaum Lobby haben, hätten deshalb schon vor Drehbeginn fast das Handtuch geschmissen.

Als finalen Schritt zur Verwandlung in einen Charakterdarsteller plante er seinen Dreh mit Altmeister Stanley Kubrick, mit dem er 1998 das Psychodrama „Eyes Wide Shut“ filmte. Und sich dafür gar in den folgsamen Schauspiellehrling von früher zurückverwandelte. Für den Regie-Exzentriker verzichtete Cruise nicht nur auf seine Gage, er und seine damalige Frau Nicole Kidman nahmen sogar die längsten Dreharbeiten der Kinogeschichte in Kauf, 20 zermürbende Monate, die er somit für andere Filmprojekte gesperrt war. Am Ende erhielt Cruise überwiegend laue Kritiken – dafür war seine zwölfjährige Vorzeige-Ehe mit Kidman zerstört. Er wurde ein ernstes Thema für die Klatschspalten. Zunächst verklagte das Paar ein US-Magazin, das behauptete, die beiden hätten für ihre Film-Liebesszenen einen Sextherapeuten engagieren müssen, dann drohte Cruise einem Pornodarsteller mit einer 100– Millionen-Klage, weil dieser angab, er hätte Sex mit ihm gehabt.

Als Scheidungsgrund jedoch gilt seine Eifersucht, Kidman erhielt zunehmend interessantere Rollenangebote, die Studios rissen sich geradezu um die schöne Australierin, die Cruise um mehr als einen Kopf überragt. Auf dem Filmset von „Vanilla Sky“ bekam er Tobsuchtsanfälle. Dennoch bot Kidman ihm die Stirn, versuchte zu verhindern, dass ihre gemeinsamen Adoptivkinder der umstrittenen Scientology-Sekte beitreten, als deren prominentester Fürsprecher Cruise agiert. Er wollte das Sorgerecht. Kidman fürchtete seine Macht: „Tom Cruise verlässt man nicht". Nach der Scheidung spielte sie in „Moulin Rouge" die Filmrolle ihres Lebens. Als die oscar-nominierte Kidman im Publikum der Academy-Award-Preisverleihung entgegenfieberte, saß Cruise vor dem Fernseher und passte auf die Kinder auf, für die er ein Teil-Sorgerecht erstritt.

Seit den Dreharbeiten zu „Vanilla Sky“, die Ehe war noch nicht geschieden, unterhält er eine Beziehung zu der temperamentvollen Penelope Cruz. Die beiden sind ein schönes Paar, streiten sich aber andauernd. Wegen Scientology, die spanische Katholikin will der Sekte nicht beitreten, genau das aber fordert Cruise, da eine Heirat für ihn sonst nicht in Frage kommt. Und da auch sie ihre Schauspielkarriere voranbringen will, scheinen die nächsten Probleme bereits programmiert.

Das Wichtigste in seinem Leben, schrieb das Branchenblatt „Variety“, ist die berufliche Anerkennung durch den „Oscar“, kommerzielle Erfolge hat er zur Genüge, und langsam werden die Regisseure rar. Die Jagd nach dieser Auszeichnung macht ihn geradezu verrückt. Bei „Geboren am 4. Juli“ war er noch zu jung für den Preis, bei „Jerry Maguire“ die Konkurrenz zu gut, bei „Magnolia“ bekam Michael Caine altersbedingt den Oscar-Vorzug. Für Kubricks Film, seine größte Hoffnung, hatte man Cruise gar nicht erst nominiert. Seitdem sucht er fieberhaft nach der „Oscar"-Rolle, für Science-Fiction wie „Minority Report“ aber ist das ausgeschlossen. Cruise nächster Film, der 2003 anläuft, scheint passend für seine rastlose Situation. Der Titel: „The Last Samurai".

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