Welt : "Der Turm, der Turm - er fällt runter"

ROMAN ARENS

Die Erdstöße in Italien versetzen die Menschen in fürchterliche Angst und HilflosigkeitVON ROMAN ARENS FOLIGNO "Der Turm, der Turm, er fällt runter", Bürgermeister Maurizio Salari aus dem umbrischen Foligno brach vor laufenden Kameras in Tränen aus, als die Spitze seines Rathaus-Turmes nach Erdstößen nachgab und in einer dicken Staubwolke auf die Piazza della Repubblica stürzte.Der erschütterte Bürgermeister begrub sein Gesicht an der Schulter seines Kulturreferenten. Die Turmhaube, dem Palazzo Comunale 1766 aufgesetzt, saß seit den heftigen Erdbeben vom 26.September nur noch schief hoch über dem gesperrten Platz.Viel fotografiert, war sie eines der Symbole für die bald drei Wochen andauernden Zerstörungen geworden.Es gab einen Plan, die Turmspitze mit einer Art Käfig zu retten - zu spät. Foligno ist eine Stadt, in der Erdbeben nicht selten sind.Große Teile der Altstadt sind nach den jüngsten Erdstößen aber unbewohnbar geworden.Die Bevölkerung ist in Panik geflohen und weiß nicht, wann sie zurückkehren kann und soll.Dies gilt für viele Orte.Der Zivilschutz arbeitet auf Hochtouren, stellt Zeltstädte auf und versucht sie bald durch Container zu ersetzen.Ein Wettlauf mit der Zeit; denn das herbstliche Schlechtwetter hat begonnen.Starke Regenfälle, heftiger kalter Wind und eisige Nächte strapazieren die obdachlos Gewordenen noch zusätzlich physisch, nachdem viele mit ihren psychischen Kräften am Ende sind. Erdbeben machen fürchterliche Angst, weil sie unberechenbar und unvorhersehbar sind.Die Erde schüttelt sich horizontal, wölbt sich auf oder bewegt sich in verschiedene Richtungen.Das ruft unmittelbar Übelkeit und ein Gefühl der Hilflosigkeit hervor, weil man sich nirgendwo festhalten kann.Nur raus aus den Häusern, aber wohin? Möglichst auf die Mitte der Straße, um nicht so schnell von Dächern herabfallenden Teilen getroffen zu werden. Je länger die gegenwärtige Erdbeben-Phase dauert, um so schwerer können viele Bewohner mit ihren Ängsten und der Ungewißheit umgehen.Enzo Boschi, der Präsident des Nationalen Instituts für Geophysik, sagt immer wieder, daß diese Phase starker Erdstöße "noch Wochen, vielleicht sogar Monate" anhalten könne.Daß die menschliche Fähigkeit, sich Streßsituationen anzupassen, bei so lange dauernden Erdbebenphasen ziemlich schnell erschöpft ist, hat auch Giovanbattista Cassano, bekannter Psychiatrie-Professor aus Pisa, festgestellt.Erdstöße könnten Phobien auslösen und auch erhebliche innere Unruhe, schon bevor etwas passiert.

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