Der Unsichtbare : Leo Kirch lenkte sein Medienreich aus dem Hintergrund

Kaum ein Mensch war hierzulande über viele Jahre so einflussreich und gleichzeitig so abwesend. Für seine kühnen Ideen fehlte Leo Kirch oft das Geld. Abhalten ließ er sich davon aber nicht. Ein Nachruf.

R. Birnbaum,M. Ehrenberg,H. Mortsiefer

Einmal stand Deutschland kurz davor, einen Medienmogul emporsteigen zu sehen. Einen, der ein Imperium aus Filmvertriebsfirmen, Fernsehsendern und Verlagsbeteiligungen schuf und bald so mächtig wurde, dass ihn die Politiker dieses Landes zu fürchten begannen. Er nutzte die Macht des Privatfernsehens nicht nur, um reich zu werden. Er wollte auch machtvoll sein. Sein Geschäftsprinzip war es, Monopole zu errichten und sich unangreifbar zu machen. Aber daran scheiterte er auch. Die einen sagen, er wurde aufgehalten, die anderen, er habe sich übernommen. Es ist das Drama des Lebens von Leo Kirch, dass er, bevor er seine Ziele erreichte, mitansehen musste, wie alles in sich zusammenfiel. Und es ist seltsam, dass es manchmal so schien, als gäbe es Leo Kirch gar nicht.

Kaum ein Mensch war hierzulande über viele Jahre so einflussreich und gleichzeitig so unsichtbar. Er lenkte sein Medienreich aus dem Hintergrund. Ob es ein scheuer Wesenszug des am 21. Oktober 1926 als Sohn eines fränkischen Klempners und Nebenerwerbswinzers geborenen Mannes war oder kühle Berechnung, die ihn öffentliche Auftritte meiden ließ, kann kaum jemand sagen. Nur wenige Vertraute hatten Zugang zu dem Mann mit dem kraftvollen John-Wayne-Lächeln, wenige wussten, was sich hinter der Fassade des Patriarchen verbarg, der mit seinen guten Beziehungen in die Politik hinein Milliardendeals einzufädeln wusste. Kirch galt als unersättlich, gewieft, risikobereit, immer hart am Rande des Gesetzes. Einen Kontrollmechanismus, der seinen Ehrgeiz hätte bremsen können, gab es nicht.

Nach seinem Credo als Unternehmer gefragt, antwortete Leo Kirch einmal, er wolle niemanden fragen müssen. Das blieb zeitlebens sein Dilemma. Denn obwohl der in Würzburg aufgewachsene Geschäftsmann stets kühne Ideen besaß, fehlte ihm doch das Geld dazu. Er musste Schulden machen. Am Ende würden sie ihn ruinieren, aber zunächst erlaubten sie ihm einen sagenhaft Aufstieg wie aus dem Nichts.

Leo Kirch hatte Betriebswirtschaft, Physik und Mathematik studiert, sogar promoviert und sich als Assistent an der Universität München auf elektronische Medien spezialisiert, da gründete er sein erstes Unternehmen. Das Fernsehen war 1955 noch neu, aber Kirch erkannte, dass es künftig eine große Menge an Filmen und Serien benötigen würde, um sich im Dauerbetrieb durchzusetzen. Mit seiner Sirius-Filmgesellschaft kaufte Kirch fortan die Rechte an Kinofilmen, die er für geeignet hielt, auch im Fernsehen ausgestrahlt zu werden. „La Strada“ war so ein Fall. Man hatte ihm erzählt, dass da ein italienische Regisseur namens Federico Fellini einen Film gedreht habe, ein Meisterwerk. Kirch fuhr mit einem Freund nach Rom, um sich das anzusehen. Sie marschierten durch den Regen, über ein aufgeweichtes Feld, um am Vorführstudio zu entdecken, dass jemand anderes ihnen zuvorgekommen war. Gezeigt wurde „La Strada“ nämlich der Chefin des deutschen Gloria-Filmverleihs Ilse Kubaschewski, während die beiden Männer durch die Gucklöcher des Vorführraums zusehen durften und ihre Kleider trockneten. Zu ihrem Glück winkte die Gloria-Chefin ab, doch Kirch hatte das nötige Geld nicht. So blieb der Freund als „Pfand“ in Rom zurück, bis Kirch in Deutschland die Summe auftrieb. 20 000 D-Mark, ausgeborgt von der Familie seiner Frau – sie bildeten das Startkapital, das Kirch nach dem Welterfolg von „La Strada“ erlaubte, eine weitere Firma zu gründen und den Kauf von 400 Hollywood-Lizenzen anzugehen. Daraus wurde für den Herrn der Filme mit den Jahren ein Archiv von weit über 10 000 Titeln.

Zeitweise stammte jeder zweite im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film aus Kirchs Sammlung. Das ZDF war jahrzehntelang von dem Münchner Lieferanten abhängig, eigene Hollywood-Kontakte besaß es nämlich nicht. Um sich nicht völlig dem einen Filmhändler auszuliefern, wollte es auch von anderen Firmen Filme kaufen, bis herauskam, dass auch diese anderen Firmen demselben Mann gehörten: Kirch. Dessen Allmacht ging so weit, dass das ZDF mit Aufkommen des Privatfernsehens gar keine Hollywoodfilme mehr zeigte, weil aus dem Filmhändler ein direkter Konkurrent geworden war, mit dem der Mainzer Sender keine Geschäfte mehr machte.

In diese Zeit Mitte der 80er Jahre fiel auch der Aufstieg Kirchs zum mächtigsten Medienunternehmer in Deutschland mit annähernd 10 000 Beschäftigten. Wie kein anderer profitierte Leo Kirch von der Entscheidung Helmut Kohls, Privatfernsehen in Deutschland zu fördern. Der Kanzler, der auch in diesem Punkt gerne in Freund-Feind-Schemata dachte, empfand das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer als linke Opposition. Kirch stand mit allem bereit, was der neue Markt brauchte. Und so rankten sich allerlei düstere Vermutungen um die Verbindung von Kanzler und Medienzar. Es nährte die Legendenbildung eher noch, dass der Mann aus München und der Mann aus der Pfalz sich nur selten öffentlich miteinander zeigten. Wie eng die Beziehung auch persönlich war, wurde für viele erst spät offensichtlich. Als Kohl 2008 seine Vertraute Maike Richter heiratete, war Kirch als Trauzeuge in dem ganz kleinen Kreis dabei, der um das Krankenbett des knapp dem Tod entronnenen Altkanzlers in Heidelberg stand.

Beide wussten immer, was sie aneinander hatten. Nach seiner Wahlniederlage bekam Kohl von Kirch einen Beratervertrag, garniert mit jährlich 600 000 Mark und der Verpflichtung, „bis zu zwölf persönliche Gespräche“ mit Leo Kirch zu führen. Als Kohl in der Spendenaffäre behauptete, anonyme Gönner hätten ihm die schwarzen Parteikassen gefüllt, richtete sich sofort ein Verdacht nach München. Irgendwelche konkreten Hinweise, gar Beweise fanden sich nie. Für Aufregung sorgte allerdings, dass beide bei ihren Vernehmungen vor dem Spenden-Untersuchungsausschuss nichts von Kohls Beratertätigkeit erwähnt hatten. Kirch reagierte auf seine Weise trotzig. Als Kohl hinterher mit der Sammelbüchse durchs Land zog, um der CDU einen Teil der Strafzahlungen zurückzuerstatten, die sie seinetwegen leisten musste, steckte Kirch ihm eine Million D-Mark in die Wiedergutmachungskasse. Das war bei Weitem der höchste Einzelbetrag.

Dennoch war es ein bescheidener Beitrag gemessen an den astronomischen Summen, mit denen Kirch seinen komplexen und unübersichtlichen Konzern mit zahllosen Tochterunternehmen aufgebaut hatte. Fast unmöglich, hier alle Windungen, Gründungen, Abhängigkeiten und Beteiligungen zu erwähnen. Kein Format, keine Technik, keine Branche schien Kirch unmöglich. Nur sein Ausflug in die große Zeitungs- und Zeitschriftenwelt brachte ihm kein Glück. 1985 erwarb er eine zehnprozentige Beteiligung am Springer-Verlag, es war ein zaghafter, später ausgebauter, aber nie zu Ende geführter Versuch, den eigenen Konzern durch Anteile an anderen Konzernen vor der Übernahme zu schützen. Aus einem Filmhändler ohne eigenes Kapital war ein Jongleur am Kapitalmarkt geworden.

Dabei machte Kirch aus seiner Abneigung gegenüber der Börse und dem Druck durch Aktionäre keinen Hehl. „Die Leute werden getrieben von den Zahlen, die veröffentlicht werden“, beklagte er gegenüber der „FAZ“ die Kurzfristigkeit des Aktienhandels. Die Hintergründe von den Zahlen aber, die könnten alle nur erahnen, fuhr er fort und verriet, wie sehr er der Verschwiegenheit des Mittelständlers verbunden geblieben war.

„Meine Krankheit“ nannte er einmal, „ein Leben lang etwas zu früh anzufangen.“ Tatsächlich sah er das Potenzial technologischer Entwicklungen oft eher als andere. Auf welche Schwierigkeiten Kirch aber bei der Umsetzung stieß, zeigte sich mit der Gründung des Bezahlsenders DF1, später Premiere, mit dem er versuchte, Pay-TV in Deutschland zu etablieren. Es wurde ein gigantisches Fehlgeschäft, das Kirch immer wieder zwang, Milliardensummen in die Decoder-Technik zu investieren und das Programm attraktiver zu machen. Etliche Millionen gab er für die Rechte der Fußball-Bundesliga aus, was dazu beitrug, dass die Spielergehälter stark stiegen.

Dann platzte die Blase. Im April 2002 musste KirchMedia angesichts von über sieben Milliarden Euro Schulden und Verbindlichkeiten einen Insolvenzantrag stellen. Kirch zog sich aus dem Unternehmen zurück, behielt aber umfangreiche Beteiligungen an Firmen in der Schweiz, die nicht in die Insolvenzmasse fielen. Es war die größte Unternehmenspleite in der Deutschen Nachkriegsgeschichte.

Dennoch wollte Kirch zurückschlagen. Noch im selben Jahr verklagte Kirch die Deutsche Bank, da sie seiner Ansicht nach eine Schuld am Niedergang seines Imperiums trug. Rolf Breuer, Vorstandssprecher der Deutschen Bank und einer der größten Gläubiger der Kirch-Gruppe, hatte im Fernsehen einen etwas ungelenken Satz von sich gegeben: „Was man alles lesen und hören kann, ist, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.“ Erst dadurch, so Kirchs Vorwurf, sei die Zerschlagung seiner Medienholding möglich geworden, an der die Deutsche Bank kräftig mitverdient hat. Sie ersteigerte in einem spektakulären Tauschgeschäft Kirchs 40-Prozent-Anteil am Springer-Verlag, um ihn sogleich an Friede Springer weiterzuverkaufen. So schien Kirch durch die Waffen geschlagen zu werden, die er selbst so meisterhaft einzusetzen gewusst hatte. „Erschossen hat mich der Rolf“, gab Kirch später zu.

Wer war Leo Kirch? Gesundheitlich schwer angeschlagen, im Rollstuhl, fast blind, saß er noch im März dieses Jahres vor dem Münchner Oberlandesgericht – sein letzter öffentlicher Auftritt. Er wollte Breuer die Stirn bieten. Beinhart und undurchsichtig – so ging Kirch stets seinen Geschäften nach. Er umgarnte oder bekämpfte die Großen der Branche: Silvio Berlusconi, Rupert Murdoch. Viele Monate dauerte der Poker um die Reste seines Lebenswerks. Murdoch, die WAZ-Gruppe, Bauer, Springer und der „Spiegel“, Haim Saban – sie alle boten mit, stiegen aus, stiegen wieder ein. Am Ende erhoben Gläubiger Forderungen von fast zehn Milliarden Euro. Viele haben bis heute kein Geld gesehen. Der Katholik Kirch kommentierte die Pleite später in der ihm eigenen Mischung aus Zynismus und Gelassenheit: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“

Nun ist Leo Kirch am Donnerstag in München im Alter von 84 Jahren gestorben. „Kirch ist bis zum letzten Atemzug Unternehmer“, hat ein langjähriger Vertrauter einmal über ihn gesagt.

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