Welt : Der zweite Fall

In Bayern wurde ein Junge von Mitschülern gequält und dabei fotografiert – Sicherheitskonzepte in Niedersachsen

Olaf Heid[Walpertskirchen]

Von Olaf Heid, Walpertskirchen

Weil ein Freund die Courage aufbrachte und sich einer Lehrkraft anvertraute, flog die Misshandlung überhaupt erst auf. „Seit den Herbstferien ist er drangsaliert worden, immer von den gleichen", erzählt die Mutter des Opfers. In den vergangenen Wochen sei die Situation eskaliert. Sie ist ratlos. „Wer weiß, wie lange das sonst noch gegangen wäre?"

Misshandlung auf der Toilette

Nach Niedersachsen jetzt Bayern: Wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Gewaltattacken von Schülern gegen einen Klassenkameraden in Hildesheim gibt es einen ähnlichen Fall in Bayern. In Wilpertskirchen im Landkreis Erding haben drei 15 Jahre alte Schüler einen 14-Jährigen wochenlang geschlagen, gehänselt und seinen Kopf in die Toilettenschüssel gesteckt. Die Misshandlungen hätten sie mit einer Digitalkamera aufgenommen und die Fotos auf CD übertragen, um sie ins Internet zu stellen, berichtete die Polizei am Donnerstag. Die Ermittler wurden alarmiert, nachdem das Opfer auf dem Pausenhof bewusstlos zusammengebrochen war. Die Täter erwartet ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Die Lehrer hatten die Quälereien nicht bemerkt.

„Er verschließt sich, kapselt sich ab", berichtet die Mutter des Opfers. Sie erhebt Vorwürfe. Denn nach einem ersten Vorfall in dieser Schule, im Januar 2003, als ein 12-Jähriger auf dem Pausenhof misshandelt und vom Rettungshubschrauber abtransportiert werden musste, hätten Schulleitung und Schulamt nicht genügend reagiert. Es dürfe nicht sein, dass sie „die Täter wieder davon kommen lassen". Offenbar ist der Haupttäter in beiden Fällen derselbe. Die Schulleitung hatte damals das Angebot des Schulamts, einen Psychologen zu bekommen, der für Schüler ansprechbar wäre und rechtzeitig eingreifen könnte, abgelehnt.

Im Gegensatz zu dem letzten Opfer, das die Schule gewechselt hat, geht der 14-Jährige weiter in die Walpertskirchener Schule. „Seine Freunde stehen hinter ihm", sagt die Mutter. „Er fühlt sich sicher." Angst hat sie um die Zukunft ihres Sohnes, der seinen Abschluss macht. „Sein Zeugnis ist verpatzt", sagt sie. Für Claus Langheinrich, Leiter des Schulamts Erding, ist es „keine Lösung, die Hauttäter ein halbes Jahr vor Abschluss an eine andere Schule zu versetzen". Dass die Maßnahmen beim letzten Mal „nicht so gefruchtet haben, wie wir das gerne gehabt hätten", gab er zu. Welche Maßnahmen die Schule nun ergreife, konnte er noch nicht sagen. Es müssten, seiner Meinung nach, Täter, Opfer, Mitläufer, Lehrer, Eltern und Psychologen an einen Tisch gebracht werden.

Zudem sollten Gespräche in allen Klassen stattfinden. Langheinrich ist dankbar über den Medienrummel, „damit die Öffentlichkeit erfährt, was täglich an ganz normalem Wahnsinn an manchen Schulen herrscht".

In Niedersachsen sollen nach den Vorgängen in der Berufsschule in Hildesheim alle Schulen ein Sicherheitskonzept aufstellen. Kultusminister Bernd Busemann wollte bei seinem Besuch am Donnerstag in Hildesheim den Einsatz von Videokameras nicht ausschließen. „Ich will aus unseren Schulen keine Kasernen oder Gefängnisse machen. Aber es ist wohl doch an der Zeit, dass jede Schule nach ihren Erfordernissen ein eigenes Sicherheitskonzept erarbeitet und vorlegt.“ Von Sicherheitsdiensten als Personal für die Pausenaufsicht halte Busemann wenig, meinte ein Ministeriumssprecher.

Der Kreis der Beschuldigten hat sich inzwischen von 9 auf 11 – und damit auf die ganze Klasse – erhöht. Gegen sie ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung. Einen konkreten Verdacht gegen Lehrer gebe es nicht. Andere Schüler hätten aber zugesehen und Monate lang geschwiegen.

Ruf nach Sicherheit

Meterhohe Mauern, Videokameras und Wachmänner mit Schlagstock am Gürtel – Schulen als Hochsicherheitstrakte kommen meist nur in Filmen vor. Nach den brutalen Misshandlungen an Schülern in Hildesheim und im oberbayrischen Landkreis Erding wird nun von vielen Seiten der Ruf nach mehr Sicherheit laut. Doch Schulen, die mehr an Gefängnisse als an Bildungseinrichtungen erinnern, bleiben in den Augen von Lehrern und Politikern eine Horror-Vorstellung. Niedersachsens Kultusminister Busemann fordert zwar von allen 3700 Schulen im Land ein Sicherheitskonzept. Videokameras seien aber nur die Ultima Ratio, sagte er am Donnerstag bei einem Besuch in der Hildesheimer Werner-von-Siemens-Schule. Der Andrang dort war riesengroß, die Aula bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem Martyrium eines 17-jährigen Schülers appellierte der Kultusminister: „Es hat keinen Sinn zu mauern, wer jetzt noch weiter schweigt, macht es für sich noch schlimmer.“ Mitschüler sollen von der Gewalt gewusst, aus Angst vor Schlägen aber geschwiegen haben.

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