• Deutschland endgültig wiedervereinigt: Wie sich die Angler in Ost und West zusammenrauften

Deutschland endgültig wiedervereinigt : Wie sich die Angler in Ost und West zusammenrauften

Es war ein langer Kampf um Prinzipien und wichtige Details. Anglern im Osten geht es um das Ideelle, den West-Anglern um das Materielle.

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Idylle. Ein Angler am Ufer des Scharmützelsees östlich von Berlin.
Idylle. Ein Angler am Ufer des Scharmützelsees östlich von Berlin.Foto: picture-alliance/ ZB

Angler sind geduldig. Die Dinge überstürzen, das ist ihre Sache nicht. Der Eintrag des „Deutschen Angelfischerverbands“ in das Zentrale Vereinsregister ist wohl das allerletzte Kapitel der deutschen Einheit. 23 Jahre lang waren alle Versuche gescheitert, die Angler in Ost und West unter einem Dach zu vereinigen. Es ging um Stolz und Beharrlichkeit. Die Nachfolger der DDR-Organisation „Deutscher Anglerverband“ (DAV) und des im Westen beheimateten „Verbandes Deutscher Sportfischer“ bestanden auf ihre Eigenständigkeit. Statt sich wie die anderen sportlichen, kulturellen oder wissenschaftlichen Organisationen nach dem Mauerfall zusammenzutun, wählten die Angler einen ganz anderen Weg. Da ging es fast subversiv zu. Ziel Nummer eins war zunächst die gegenseitige „Unterwanderung“. Der Westen vereinnahmte die Landesverbände aus Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, während die Ostler einzelne Vereine aus Bayern und Nordrhein-Westfalen in ihre Reihen aufnahmen.

Nun aber sind alle Konflikte Geschichte, beschwichtigen alle Beteiligten. „Das ist wirklich ein historischer Moment“, sagt denn auch der bisherige DAV-Präsident Günter Markstein aus Parchim. Dabei will der Mann aus Mecklenburg gar nicht so plakativ vom jetzt endlich „überwundenen Ost-West-Konflikt“ sprechen. „Der Verband im Westen wird schon lange von einem gebürtigen Sachsen geführt“, sagt Markstein. „Wir verstehen uns ausgezeichnet.“

Wahrscheinlich wäre es noch eine ganze Weile mit den zwei getrennten Verbänden weitergegangen, wenn sich die Angler nicht so viele Sorgen um den Fortbestand ihres Hobbys machen müssten. Vor allem immer strengere Naturschutzverordnungen und Verbote an zahlreichen Gewässern zwingen sie, die Reihen fest zu schließen. „Da brauchen wir eine starke Lobby“, meint Markstein. Mit 800 000 Mitgliedern und zwei Millionen nichtorganisierten Anglern besitze die neue Vereinigung schon viel mehr Gewicht in allen möglichen Debatten.

So mancher Ost-Angler dürfte sich beim Blick auf die neuen Mitgliedskarten an die vielen Vergünstigungen in der DDR erinnern. Da brauchte man nur einen Jahresbetrag von zehn Mark bezahlen, um damit überall seine Angel ins Wasser halten zu können. Die Hinweisschilder auf den „DAV“ waren jedenfalls flächendeckend vertreten. Das Angeln in der Ostsee war gleich gänzlich frei. Die Deutsche Reichsbahn gewährte sogar Ermäßigungstarife für die Mitglieder, damit diese preisgünstig in der Republik hin- und herfahren konnten. Als Gegenleistung mussten die Angler in den Wintermonaten Lehrgänge über Anatomie der Fische sowie die Tier- und Pflanzenwelt in den Gewässern besuchen. Bis heute gibt es richtige „DAV“-Kolonien mit Wochenendhäuschen und Vereinsräumen. Da lebt die alte Welt fort.

Bis zuletzt störten sich die Mitglieder aus dem Osten an der Satzung des Westvereins, die als Ziel des Hobbys das Verspeisen des geangelten Fisches ausgegeben hatte. „Wir im Osten angeln bis heute um des Angelns willen“, erklärt Markstein. „Wir leben unsere Passion aus.“ Fürs Angeln müsse man geboren sein, Etwas anderes komme gar nicht infrage.

Es geht in dieser Frage ums Prinzip. In der DDR ging es beim Angeln nicht um das Materielle, sondern um das Ideelle. Ganz im Gegensatz zum materialistischen Westen, der nur schwer verstehen kann, dass im Osten das Ideal weiter fortlebt.

Und dann sind da die wichtigen Details. Zum Beispiel die Größenangaben, nach denen bestimmte Fische gefangen werden dürfen. Er hoffe, dass sich im neuen Verband auch die Unterschiede in den Größen angleichen, sagt Markstein. Die Größen legen die Landesverbände fest, wobei es zu kuriosen Regelungen kommt. So gelten in Sachsen-Anhalt andere Fischgrößen als in Niedersachsen, obwohl beide Länder an der Elbe liegen.

Nach der deutschen soll demnächst die europäische Einigung in Angriff genommen werden. Ein Anglerverband für die ganze EU? Das wird ein langer Kampf. Claus-Dieter Steyer

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