Welt : Die 41-jährige berichtet mit Tränen in den Augen von ihrer Ehe

Karin Matussek

13 Jahre nach dem Tod der beiden Töchtern, einer Verurteilung und einem Freispruch versucht das Gericht erneut, den Tathergang zu ergründenKarin Matussek

Bereits am frühen Morgen waren sie da: ein Heer von Journalisten, mehr als ein Dutzend Kamerateams und ungeduldige Fotografen. Sie alle drängeln sich neugierig an Monika Böttcher, geschiedene Weimar, heran. Nur langsam bewegt sich die blonde Frau durch das Spalier der Kameras und Blitzlichter zum Gerichtsgebäude.

13 Jahre nach dem Tod ihrer Töchter steht sie an diesem Tag zum dritten Mal wegen Doppelmordes vor Gericht. Zum Auftakt eines der spektakulärsten Kindstötungsprozesse schilderte die 41-Jährige am Donnerstag ihre lieblose Ehe, die Beziehungen zu ihren Kindern, der siebenjährigen Melanie und der fünfjährigen Karola und ihrem Geliebten Kevin Pratt. Zum Mordvorwurf wird sie erst am kommenden Dienstag aussagen.

Auf den Zuschauerbänken waren eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn noch viele Plätze frei. Als der Vorsitzende Richter, Heinrich Gehrke, das Verfahren eröffnete, sind dann alle Plätze belegt. Er fragt die Angeklagte, wo sie jetzt wohne. Die Angabe "Frankfurt" reicht ihm nicht. Gerhard Strate, einer der drei Verteidiger von Monika Böttcher, schreitet ein. Nein, der Öffentlichkeit solle dies nicht jetzt nicht preisgegeben werden. Als der Vorsitzende zustimmt, applaudieren einige Zuschauer.

Die Emotionen schlagen hoch, Monika Böttcher hat viele Sympathien im Publikum. Als die Anklage verlesen wird, ist es ganz still. Die Mutter soll, hören die Zuschauer, am vierten August 1986 ihre Töchter Melanie und Karola Weimar im Auto der Familie erstickt oder erwürgt haben. Gehrke, ein erfahrener Richter, spricht an, was alle denken. Die Tat liegt 13 Jahre zurück, die Angeklagte ist einmal verurteilt und einmal freigesprochen worden, der Fall ist seltsam und schwierig zugleich. Die Angeklagte hat die Tat stets abgestritten und ihren früheren Mann als Mörder beschuldigt. Der psychisch schwer kranke Weimar tritt im Prozess als Nebenkläger auf, ließ sich aber von Anwälten vertreten. Das Gericht werde sich bemühen, so Gehrke, den Sachverhalt so gut als möglich aufzuklären.

Die Verteidigung hatte bereits Tage vor Prozeßbeginn angekündigt, sie werde "umfänglich" aussagen. Als die Rede auf die Geburt der beiden Kinder kommt, erstickt die Stimme. Tränen steigen ihr in die Augen. Ihre rund drei Stunden lange Aussage am Vormittag wurde zweimal von einer Pause unterbrochen.

Sie habe ihren Mann im Alter von 19 Jahren nicht aus Liebe, sondern eher aus "Torschlusspanik" geheiratet, berichtet Böttcher. Er sei der erste Mann in ihrem Leben gewesen. "Ich hatte eben das Gefühl, ich kriege keinen mehr, weil ich mich für hässlich hielt." Ihr Mann habe im Haushalt wenig geholfen und sich selten um die gemeinsamen Töchter gekümmert. Stattdessen sei er seinen Hobbys Kegeln und Tennis nachgegangen.

Der Vorsitzende Richter lenkt die Fragen mehr und mehr auf den Sommer 1986. Warum die Kinder denn so oft bei der Oma geschlafen hätten, ob sie ein schlechtes Verhältnis zum Vater gehabt hätten. was sie unternommen hätte, um die Ehe zu beenden. Gehrke wirkt ungeduldig. Die Zuschauer tuscheln, der Richter sei gegen sie. Obwohl das Gericht hier nur Fragen zum Lebenslauf stellt, ist doch klar, daß immer wieder Fakten geprüft werden, die für die Tatnacht bedeutend waren.

Man spürt, daß viel Druck auf Monika Böttcher liegt. In jeder Verhandlungspause kommen die zwei Kamerateams und die Fotografen zu ihr, die im Saal selbst arbeiten dürfen. Und draußen vor der Tür warten noch mehr Objektive und Schreibblöcke.
© 1999

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