Welt : Die alte Leier

Die deutsche Kandidatenliste für den Grand Prix bietet weder Stars noch Überraschungen

Horst Heinrich, Hamburg Der NDR hat die Teilnehmer an der diesjährigen Vorentscheidung zum European Song Contest bekannt gegeben – und damit ein Geheimnis gelüftet, das schon keines mehr war. Im Großen und Ganzen enthält die per Pressemitteilung veröffentlichte Teilnehmerliste die Namen, die schon am Mittwoch veröffentlicht worden waren. Neu ist lediglich die Gruppe „Under One Flag“. In den letzten Jahren hatte der NDR stets bunte, laute Pressekonferenzen zur Präsentation veranstaltet – zur Erinnerung: Vor zwei Jahren zeigte Sangesartist Joachim Deutschland dort nacktes Sitzfleisch und wurde praktisch noch am selben Abend aus dem Verkehr gezogen. Diesmal musste es ein nüchternes Fax tun – der Chef ist im Urlaub.

Wurden bis vorgestern an der Gerüchtebörse noch Größen mit Starqualitäten wie Xavier Naidoo, Rammstein, die Pop-Elfe Annett Louisan und der Intellektuellen-Liebling Bernd das Brot gehandelt, ist der heutige Tag für Grand-Prix-Fans so etwas wie der Schwarze Freitag: ein totaler Crash. Erinnerungen an die unseligen 80er Jahre werden wach, in denen ebenfalls No-Names die Szene beherrschten. Die Neupositionierung des Song Contest als bedeutendes Pop-Event kann aus deutscher Sicht schon als gescheitert betrachtet werden: Die Stars der Branche wollten offenbar nicht mitspielen.

Hier sind sie also, die bisherigen neun offiziellen Teilnehmer: Mia Aegerter, Allee der Kosmonauten, Ellen ten Damme, Stefan Gwildis, Königwerq, Murphy Brothers, Orange Blue, Under One Flag und Villaine. – Wer jetzt die Stirn runzelt und an seinen Pop-Kenntnissen zweifelt, der sollte wissen, dass Frau Aegerter als „Bravo-TV“-Moderatorin mehr oder weniger bekannt ist, Villaine „nach eigenem Bekunden lesbisch“ ist und wohl mit einer blinden Freundin auftritt, dass Orange-Blue-Sänger Volkan Baydar der Ex-Freund von Desiree Nosbusch und laut NDR „immer gut für eine Überraschung“ ist. Für wen das noch immer nicht Glamour genug ist, für den zieht der federführende NDR noch ein weiteres Bonbon aus dem Hut: prominente Präsentatoren! So macht sich Udo Lindenberg für seine angebliche Muse – was immer das bedeuten mag – Ellen ten Damme stark, deren Wettbewerbsbeitrag „Plattgeliebt“ er denn auch gleich geschrieben hat. Heinz-Rudolf Kunze dagegen hat sein Herz für die „Allee der Kosmonauten“ entdeckt, allesamt Rockpoeten aus der Pfalz (!), die „mit französischem Charme und der frischen Kraft skandinavischer Popmusik“ antreten werden. Einer NDR-Sprecherin zufolge ist es „möglich“, dass auch für die anderen Wettbewerber noch Promis als Paten gefunden würden. Wir machen schon mal einige Vorschläge: Fred Bertelmann, Max Greger und auch Chris Howland haben sich schon immer für junge Talente eingesetzt.

Das diesjährige Konzept scheint eilig zusammengerührt worden zu sein: „Eine zehnte Anmeldung steht noch unter Vorbehalt“, meldet der NDR. Festzuhalten ist: Den Wettlauf mit Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ hat die offizielle, öffentlich-rechtliche Veranstaltung schon verloren, um Längen. Der von Raab ausgelobte Gegen-Wettbewerb bietet das frischere, relevantere Programm und die deutlich größere Prominenz: Bei ihm sind De Randfichten, Lukas Hilbert, Sandy, Apocalyptica und Deichkind dabei.

Eine kleine Hoffnung allerdings gibt es noch: Über so genannte „Wildcards“ können noch zwei Künstler durch gute Chart- Platzierungen die Vorentscheidung am 12. März in Berlin erreichen. Durch die einzuhaltenden Fristen scheint es aber, als sei für den Gewinner von Raabs Wettbewerb die Tür in die Ukraine endgültig verschlossen. Aber wer weiß – bald wird „Mr.Grand Prix“ Jürgen Meier-Beer, Unterhaltungschef des NDR, gut erholt aus dem Urlaub zurück sein, und dann ...

Eines ist schon sicher: Die Show wird unter Leitung des bekannten Schlagerfans Reinhold Beckmann nach langer Zeit wieder an einem Samstag zur Primetime in der ARD übertragen. Da soll wirklich nur das Beste gut genug sein, um in der Ukraine die eine oder andere Pirogge zu gewinnen.

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