Welt : Die Filmwelt ist nicht genug

Pierce Brosnan will nicht mehr James Bond verkörpern. Er hat noch mehr vor, als an technischen Spielzeugen „Knöpfe zu drücken“ und träumt vom Theater

Daniela Sannwald

Er trägt häufiger Rollkragenpullover als Smoking, sonst aber ist alles wie immer: Auch in seinem vierten Bond-Film „Stirb an einem anderen Tag" überzeugt Pierce Brosnan durch Eleganz, Härte, Charme und Understatement, aber, so munkeln die Branchenblätter, der gebürtige Ire, eben 50 geworden, will nicht länger Bond sein. Am Alter kann es jedoch nicht liegen, denn Sean Connery, der Ur-Bond, war 53, sein Nachfolger Roger Moore sogar 57, als sie zum letzten Mal als Geheimagenten Ihrer Majestät im Einsatz waren. Oder fürchtet Brosnan, dass sein Vertrag, der zunächst vier Bond-Filme umfasste, nicht verlängert wird? Wohl kaum, denn der große, schlanke, leicht gebräunte und fast immer gut frisierte Star besetzt regelmäßig vordere Plätze in „Most-sexy“-Listen; und „Stirb an einem anderen Tag" hat bereits jetzt sämtliche Besucherrekorde geschlagen.

„Ich habe meinen Job erledigt", murrte Brosnan während einer Pressekonferenz zur australischen Premiere von „Stirb an einem anderen Tag", „ich kenne Bond, und ich weiß, was ich als Bond zu tun habe. Schauspielerei kann man das nicht nennen." Ist Brosnan also einfach gelangweilt? Ein Blick auf seine Karriere zeigt, dass er mehr kann, als an technischen Spielzeugen „Knöpfe drücken", wie Sean Connery, der immerhin sieben Mal Bond war, dessen Job beschrieb. Aber im Unterschied zu Connery, der als Badehosenmodel und schottischer Kandidat für Mr. Universum auftrat, bevor er in einem öffentlichen Casting für die Agentenrolle entdeckt wurde, war Brosnan von Anfang an Schauspieler. Seine Karriere begann auf Londoner Off-Bühnen, wo er vom Dramatiker Tennessee Williams persönlich entdeckt wurde. Es folgten weitere Theaterengagements und kleine Filmrollen, bevor er um 1980 in die USA ging. Als smarter Detektiv Remington Steele in der gleichnamigen Fernsehserie, die von 1982 bis 1987 ununterbrochen lief, schaffte er den Durchbruch: Bereits 1986 boten die Bond-Produzenten ihm die Rolle an. Brosnan musste jedoch wegen seiner TV-Verpflichtungen absagen, spielte weitere Serien und Spielfilm-Nebenrollen, meist Detektive und Agenten, bevor er 1994 dann doch noch Bond wurde: In „GoldenEye" bekämpfte er die russische Mafia; und zum ersten Mal war ein Bond-Darsteller nicht nur cool, sondern zeigte auch Gefühle.

Brosnan verkörpert Bond nicht als wilden Draufgänger und Zyniker wie Sean Connery, und von Roger Moores manchmal hölzern wirkender Reglosigkeit ist er weit entfernt. Vielmehr umgibt er den Agenten mit einem Hauch von Melancholie, einer feinen Trauer über die Schlechtigkeit der Welt, gegen die Leute wie er auf einsamem Posten kämpfen. Und damit fasziniert Bond jetzt auch die weiblichen Kinozuschauer. Für die Männer gibt es wie immer eine Unmenge an Schauwerten: Stunts, Fahrzeuge, Waffen, Explosionen, Spezialeffekte – jede Menge Knöpfe zum Drücken. Und natürlich die schönsten Frauen aus beiden Hemisphären, die dem Superagenten nach wie vor zu Füßen liegen.

Im neuen Bond-Film gestattet Brosnan dem Agenten, Trauer, Entsetzen, Zärtlichkeit, sogar manchmal ein bisschen Angst zu zeigen. Und deswegen wirken seine lakonischen Sprüche umso besser. Pierce Brosnan ist, daran besteht kein Zweifel, ein guter Bond-Darsteller. Dass er jedoch auch anders kann, hat er mehrfach bewiesen, in Filmen, die er zum Teil selbst produzierte: 1998 etwa war er ein irischer Pub-Besitzer in „Der amerikanische Neffe", 2000 ein Gentleman-Verbrecher in „Die Thomas Crown-Affäre" und damit ein perfekter Nachfolger von Steve McQueen, der die Rolle bereits 1967 gespielt hatte. Was wird also passieren, wenn Brosnan tatsächlich seine Waffen abgibt? Schon seit langem prognostizieren Skeptiker das Ende der Serie, die schließlich ein Produkt des Kalten Krieges ist - selbst „Stirb an einem anderen Tag" erklärt noch dessen letzte Außenposten, Kuba und Nordkorea, zu Feindesland. Wer weiß, ob sich eine seit immerhin vierzig Jahren und zwanzig Filmen festgeschriebene Welteinteilung so einfach umstoßen lässt und ob wir damit klar kämen. Sollen wechselnde Schurkenstaaten oder gar der Weltraum als Heimat der Bösen dienen? Und damit wäre die wichtigste Frage immer noch nicht beantwortet: Welcher Brite hat das Zeug zum Bond? Angeblich wird der junge Schotte Gerald Butler als Nachfolger hoch gehandelt, Robbie Williams ist ebenfalls im Gespräch.

Wir hingegen fänden Jude Law („Road to Perdition") oder Colin Farrell („Minority Report") gar nicht so schlecht. Aber: Zu jung, monieren Bond-Kenner, der Mann muss gewisse Erfahrungen haben, die man ihm auch ansieht. Hugh Grant wäre im richtigen Alter, aber kann man sich einen zwinkernden und grinsenden Agenten vorstellen, der seine sparsamen Dialogzeilen womöglich verstottert? Nein, ausgeschlossen. Es gibt nur einen, der Brosnan das Wasser reichen und vielleicht sogar übertreffen könnte: George Clooney. Aber der ist nun mal Amerikaner.

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