Welt : Die im Dunkeln sieht man doch

In der größten Anti-Mafia-Aktion seit langem wurden in Italien mehr als 300 Mitglieder festgenommen

Angelo Conte
Sonderkommandos der italienischen Polizei auf dem Sprung. Sie lassen sich gerne fotografieren. Fotos: dpa
Sonderkommandos der italienischen Polizei auf dem Sprung. Sie lassen sich gerne fotografieren. Fotos: dpaFoto: dpa

Bei der größten Anti-Mafia-Operation der vergangenen Jahre sind gestern in ganz Italien und in den USA mehr als 300 Personen festgenommen worden. Die Fahnder schlugen in den frühen Morgenstunden in der süditalienischen Region Kalabrien und im wohlhabenderen Landesnorden zu. Im Laufe der Ermittlungen seien zahlreiche Gespräche abgehört worden, wodurch neue Einblicke in die Organisation der kalabrischen Mafia gewonnen worden seien. Das Ziel der Ermittler: Das Netzwerk der immer gefährlicher und mächtiger werdenden Mafia-Vereinigung ’Ndrangheta zu zerschlagen. Den Festgenommenen wird eine lange Liste von Delikten vorgeworfen: Geldwäsche, Erpressung, Drogen- und Waffenhandel und die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation. Im Rahmen der Operation wurden außerdem Immobilien, Geld und Drogen im Wert von mehreren zehn Millionen Euro konfisziert. Die Ermittlungen klärten auch die Struktur der ’Ndrangheta auf. Die Vereinigung habe eine hierarchische Struktur mit einem in Kalabrien ansässige Spitzengremium.

Als mutmaßlicher Leiter der lombardischen ’Ndrangheta ist Giuseppe Neri festgenommen worden. Die Ermittler sind davon überzeugt, dass die ’Ndrangheta in der lombardischen Ökonomie stark engagiert war. Die Operation zeigt, dass die kalabresische Mafia immer wichtiger wird. Schätzungen zufolge machte die Mafia aus Reggio Calabria mit Drogen- und Waffenhandel, Prostitution und Erpressung im Jahr 2007 rund 44 Milliarden Euro Umsatz. Es gilt außerdem als erwiesen, dass sie nicht nur ein süditalienisches Phänomen, sondern in der Lage ist, sich auch in Gegenden wie der Lombardei durchzusetzen, die in der Öffentlichkeit als mafiafrei gelten. Die Ermittlungsbehörden konnten zum Beispiel mittels eines Video feststellen, wie sich die ’Ndrangheta in Nord Italien organisiert hatte. Die bei der Staatsanwaltschaft vorhandenen Sequenzen zeigen, wie Angehörige den neuen Mastro Generale, den Vorsitzenden, per Handzeichen und einstimmig wählten.

Ein zweites Video soll ein Treffen von ’Ndrangheta-Bossen in Aspromonte zeigen. Dabei zeigt sich, dass die ’Ndrangheta nicht aus mehreren unabhängigen Clans besteht, sondern ähnlich wie die sizilianische Mafia über einen zentralen Führungsausschuss verfügt.

Sehr zufrieden über die Operation hat sich Innenminister Roberto Maroni (Lega Nord) geäußert: „Wir haben der ’Ndrangheta einen harten Schlag versetzt und ihre wirtschaftliche und organisatorische Macht stark geschwächt“, sagte er.

Auch wenn unbestritten ist, dass es sich um eine groß angelegte Festnahmeakton handelt – dass einer Mafiaorganisation ein harter Schlag versetzt wurde, das behaupten die Behörden immer wieder seit vielen Jahren aufs Neue, wenn Mitglieder festgenommen werden. Die Mafia aber lebt bis heute. Das belegen die immer wieder neuen „harten Schläge“ gegen das organisierte Verbrechen, mit denen sich Polizei und Politik regelmäßig brüsten.

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