Welt : Die kleine Dia-Show: Menschen und Poller

Helmut Höge

Früher haben wir Kfz-Kennzeichen gesammelt, ganze Vokabelhefte haben wir mit Autonummern vollgeschrieben. Mit der Zunahme des Verkehrs, der uns von der Straße verdrängte, fingen wir später an, Autos zu hassen. Aber als Besitzer eigener Autos wurden dann die Polizisten, die uns kontrollierten und aufschrieben, zu Gegnern. Zeitweilig überstiegen die Ausgaben für Falschparken die Mietkosten.

Die Polizisten meinten allerdings bald, Wichtigeres zu tun zu haben. Willig ließen sie sich durch "stumme Polizisten" ersetzen - durch Straßenbegrenzungspfähle, auch Poller genannt, die das Parken auf Gehwegen verhinderten. In den siebziger Jahren wurde daraus das verkehrsplanerische Element "Straßenmöblierung". Alles wurde abgepollert - und die Poller selbst immer künstlerischer gestaltet, bis sie von Kunst im öffentlichen Raum nicht zu unterscheiden waren: ein "Milliardenmarkt", jubelten die Hersteller. So ein Poller kostete bis zu 2000 DM. Das Rennen machte ein anthrazitfarbener Antikpfahl namens Wellmann-Poller, den die Tiefbauämter millionenfach einbuddelten - im Randalekiez Kreuzberg übrigens ankerverstärkt, was jedoch wenig nützt. Denn die "Kids", aber auch die Radfahrer, hassen nun vor allem die Poller, speziell am 1. Mai (Foto oben). Im Bezirksamt spricht man von "Kreuzberger Penissen", die das Gesetz als Sachzwang exekutieren.

In der rohstoffknappen DDR ist man nie so weit gegangen. Hier wurden alle Falschparker von lebenden Polizisten erwischt. Mit der Wende aber entstand ein "Riesenmarkt" - für die Poller-Hersteller. Im Westen startete man derweil die ersten "Entpollerungs-Programme".

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