Welt : "Die leichten Schritte des Wahnsinns": Geschäfte, Gegner und Banditen

Katharina Narbutovic

Die in Deutschland schon bekannte russische Krimiautorin Alexandra Marinina hat Gesellschaft bekommen: Mit Polina Daschkowa ist jene Autorin ins Deutsche übersetzt worden, die gemeinsam mit Marinina den russischen Markt beherrscht. Auch Daschkowa setzt auf eine weibliche Heldin und hat in ihrer Heimat großen Erfolg: Neun Bücher mit einer Gesamtauflage von mehr als zwölf Millionen Exemplaren sind seit 1996 von ihr erschienen. Allerdings ist die Heldin ihres Romans "Die leichten Schritte des Wahnsinns" keine Kriminalistin wie Marininas Anastasija Kamenskaja. Daschkowas Lena Poljanskaja führt das Leben einer ganz gewöhnlichen jungen Frau im postsowjetischen Rußland. Sie ist Redakteurin für Kunst und Literatur bei einer Moskauer Zeitschrift, kümmert sich tagsüber um ihre zweijährige Tochter, erledigt den Haushalt und arbeitet vor allem nachts zu Hause am Computer. Ihr Mann Sergej ist Major bei der Miliz. Äußerlich gleicht Lena in manchem der Autorin; sie ist zierlich, hübsch, hat langes dunkles Haar und ist 36 Jahre alt. Ihr einziges Laster ist das Rauchen. Was Lena Poljanskaja auszeichnet, das ist ihre Fähigkeit zu analytischem Denken und zur Kombination. Dieses investigative Rüstzeug ist es auch, das Lena hellhörig werden lässt, als sie vom mysteriösen Tod des Liedermachers Mitja Sinizyn erfährt. Lena tippt auf Mord und gerät damit selbst ins Visier.

Erinnerung an einen Serienmörder

Polina Daschkowa versteht es, Spannung aufzubauen und den Leser geschickt in alte Geschichten hineinzuziehen. 14 Jahre ist es her, dass 1982 in den sibirischen Städten Tjumen und Tobolsk ein Serienmörder umging, der nachts junge Frauen vergewaltigte und ermordete. 14 Jahre ist es her, dass Lena, Mitja und seine Schwester Olga zu einem Journalistenpraktikum in Tjumen und Tobolsk waren und der Komsomolze Wenja Wolkow sich heillos in Lena verliebte. 14 Jahre ist es her, daß die drei Praktikanten unwissentlich Zeugen eines Mords wurden. Nur Mitja hat Jahre später verstanden, dass Wenja Wolkow, inzwischen Russlands mächtigster Musikproduzent, jener sibirische Serienmörder ist und hat ihn unter Druck gesetzt.

Spannend ist an dem Roman vor allem, wie sich durch Perspektivwechsel allmählich der Gesamtzusammenhang herausschält und dem Leser sich der eigentliche Kern erschließt: der Versuch der Psychotherapeutin Regina Gradskaja, die Vergangenheit ihres Mannes Wenja Wolkow um jeden Preis unter Verschluss zu halten. Ihr Ziel, weder ihr Vermögen noch ihre Macht einzubüßen, führt dabei zu immer neuen Opfern und bringt Lena in ernste Gefahr.

Polina Daschkowa ist nicht an einer detaillierten Darstellung der Verbrechen interessiert. Für sie stehen die psychologischen Motive der Täter im Vordergrund. Und sie beschreibt die Psychopathologien ihrer Figuren, Wenja Wolkows Kindheitstraumata, die ihn zum Serienmörder werden ließen, und Regina Gradskajas Hässlichkeitswahn, der zu einer verschönernden Operation ihres gesamten Gesichts führte. Überhaupt sind sowjetische Psychopathologien ein ergiebiges literarisches Thema.

Daschkowa erzählt von der Gewalt, die die postsowjetische russische Gesellschaft prägt und dem Zustand, der Unterwelt, Geschäftswelt und staatliche Organe in völliger Normalität miteinander verflochten sein lässt. Sie erzählt am Beispiel der Musikbranche von den Methoden, mit denen Geschäfte aufgebaut und Gegner aus dem Weg geräumt werden, von den Hierarchien unter russischen Banditen und der Lebenswelt der neureichen Russen. Allerdings muß sich der Leser darüber im klaren sein, dass ein Krimi nur einen bestimmten Ausschnitt der russischen Wirklichkeit abbildet, der zwar durchaus real ist, nicht aber für das Ganze genommen werden darf.

Blicke nach Sibirien

"Die leichten Schritte des Wahnsinns" ist intelligente Unterhaltungsliteratur mit einem spannenden Plot, die bei allen sprachlichen Abstrichen und mancher Klischeehaftigkeit über das Moment der Spannung hinaus einen kritischen Anspruch hat. Das Buch bietet einen Einblick in das Russland von heute, in den Moskauer Alltag des Jahres 1996 und das Leben in sibirischen Städten. Dem kommt auch zugute, dass Polina Daschkowa ihre Figuren nicht einseitig zeichnet (erst recht, wenn auch noch die unerfüllte Liebe des Serienmörders Wenja Wolkow zu Lena Poljanskaja ins Spiel kommt) und sie als Menschen darstellt mit ihrer persönlichen Geschichte, ihrem Alltag, ihrem psychologischen Profil. Nur die Figur der Lena Poljanskaja, die sich erst spät und mehr von den Ereignissen getrieben auf den Weg macht, um herauszufinden, was damals in Sibirien geschah, bleibt blass und farblos - was auch damit zusammenhängt, dass auf den ersten Seiten des Buches die Erwartung geweckt wird, der Leser bekomme es mit einer aktiven Privatdetektivin zu tun.Ganz gewiss aber gehört Polina Daschkowa (ein Pseudonym für Tatjana Poljatschenko), die als Lyrikerin angefangen, am Gorki-Literaturinstitut studiert und als Literaturredakteurin, Dolmetscherin und Übersetzerin gearbeitet hat, gemeinsam mit Alexandra Marinina und Boris Akunin zu den besten und intelligentesten Krimiautoren, die Russland derzeit zu bieten hat.

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