Welt : Die mit dem Strom schwimmen

Notizen aus der Provinz: Wie Rechtsradikale ein Hemingway-Festival im Schwarzwald kippten

Jeanette Moser[Triberg]

Triberg ist ein idyllisches Städtchen im Schwarzwald. Besonders stolz sind die 5500 Einwohner auf die höchsten Wasserfälle Deutschlands vor ihrer Haustür. Eine Zeitlang waren sie auch stolz darauf, dass der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway im August 1922 bei ihnen zu Gast war und die Stadt im „Schnee am Kilimandscharo" verewigt hat.

Die Schwarzwaldstadt wollte an den Besuch des Schriftstellers in Triberg mit einer großen Gedenk-Veranstaltung erinnern. Diese Verneigung vor dem Autor, der für sein Werk „Der alte Mann und das Meer" 1954 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde werbewirksam aufbereitet. Aber der gewünschte Erfolg blieb aus. Dennoch gab es in diesem Sommer um die „Hemingway-Days", wie sie genannt wurden, viel Wirbel, der schließlich zum Aus des Festivals führte.

Mit Mistgabeln vertrieben

Denn Hemingway hat sich über den Ort und den Schwarzwald nicht nur positiv geäußert. Er beschrieb den Wirt, der ihm das Essen brachte, als Ochsen und verglich dessen Frau mit einem Kamel. Er erzählt von einem Hotelbesitzer in Triberg, der nach einer guten Saison durch die Inflation alles verlor und sich erhängte. Das sind nicht gerade Worte, mit denen die Triberger beschrieben werden wollen. Hemingway schrieb noch mehr: Bei seinem Angel-Urlaub in Triberg seien er und Freunde von Bauern, „mit Mistgabeln vertrieben worden, weil wir Ausländer waren“. Im Original übernahm Hemingway das deutsche Wort und verenglischte es: „Auslaenders“, schrieb er.

Wie kam es zum Aus des Festivals? Die Idee, dem amerikanischen Schriftsteller ein „Denkmal" in Form einer Veranstaltung zu setzen, stammt von Renate Bökenkamp, einer freien Journalistin und der heutigen Leiterin der Volkshochschule Triberg. Ihre Anregung wurde vom damaligen Bürgermeister der Stadt, Klaus Martin (CDU), aufgegriffen, der Hemingway als Autor sehr mochte. Zum 100. Geburtstag, den der amerikanische Schriftsteller am 21. Juli hätte feiern können, gedachte die Stadt 1999 mit einer „Hemingway-Woche".

Serviert wurden eine Ausstellung, ein Menü, Vorträge, Literatur-Verfilmungen, Theatervorstellungen, ein Forellenfischen und ein Schreib-Wettbewerb. Aus der „Hemingway-Woche" wurden bald die „Hemingway-Days", die in diesem Jahr zum dritten Mal gefeiert wurden.

Diese Umbenennung missfiel dem Sprecher der rechtsradikalen „Deutschland-Bewegung“, Alfred Mechtersheimer, der einst für die Grünen im Bundestag saß. Auf einem Flugblatt, das in einer Nacht- und Nebelaktion in der Stadt verteilt wurde, behauptet er: „Triberg feiert einen Mörder". Der Kriegsberichterstatter, so Mechtersheimer, sei ein Kriegsverbrecher gewesen, der sich gerühmt habe, 122 Deutsche getötet zu haben.

In einem Brief an seinen Freund Scribner habe Hemingway auch bis in alle Einzelheiten geschildert, auf welch brutale Weise er einen SS-Mann erschossen habe. Deshalb hätte er vor einem Kriegsgericht mit der Todesstrafe rechnen müssen.

Gallus Strobel (CDU), damals erst knapp ein Jahr lang Bürgermeister von Triberg, setzte sich für seine Stadt und Hemingway und das Projekt seines Vorgängers ein. Wegen übler Nachrede erstattete er Strafanzeige gegen Mechtersheimer. Das Verfahren wurde im September von der Staatsanwaltschaft München – Mechtersheimer lebt in Starnberg – mit der Begründung eingestellt, dass kein genügender Anlass zur Erhebung einer öffentlichen Klage bestünde. Da die staatliche Ordnung die Stadt vor dem erhobenen Vorwurf nicht schützen kann, und es sich nicht klären lässt, ob es sich bei der geschilderten Heldentat im Hemingway-Brief, der 20 Jahre nach dessen Tod 1981 veröffentlicht wurde, um Fiktion oder Realität handelt, machte Gallus Strobel einen Rückzieher. Aus Sorge um den Ruf der Gemeinde kippte er die Veranstaltung. Vielleicht auch deshalb, weil viele Bürger, die mit den Rechtsradikalen wenig im Sinn haben, ebenfalls aufgebracht waren, als sie aus dem Flugblatt erfuhren, das Hemingway negativ über ihre Stadt geschrieben hatte. Der Bürgermeister will wiedergewählt werden.

Dabei hatte sich Hemingway durchaus auch positiv über den Ort und die Umgebung geäußert. Er beschrieb die Schönheit der Landschaft und die Nöte der Menschen, von denen damals viele Hunger litten – ein kleines Sittengemälde des Ortes, mit allem, was er sah, hörte und erlebte.

Die Entscheidung, das Festival abzuschaffen, hat der Hemingway-Biograf aus Leipzig und mehrmaliger Teilnehmer der „Hemingway-Days", Wolfgang Hartwig, als Fehler bezeichnet. Doch Bürgermeister Strobel verteidigt sich: „Selbst Herr Hartwig hat nicht ausschließen können, dass Hemingway die beschriebenen Taten tatsächlich begangen hat. In dieser Situation war die Absage der Hemingway-Days, die auch nicht die erhoffte Resonanz fanden, vollkommen richtig. Kein einziger Triberger hat sich deswegen bei mir gemeldet und unsere Entscheidung kritisiert."

Die Stadt Triberg ist über die rechtsextreme Anti-Hemingway-Kampagne gestolpert. – Und was bleibt? Eine Gedenktafel am Wasserfall, gestiftet vom Lions-Club Triberg, die an den Besuch des großen amerikanischen Schriftstellers im idyllischen Triberg erinnert.

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