Welt : "Die Nacht der Zeitlosen": Am Tag, bevor die Erde barst

Eva Leipprand

Jackie Ballard spielt Jackie Kennedy im Film JFK. Während die Mordszene gedreht wird, sitzt sie in der offenen Lincoln-Limousine, neben sich eine Kennedy-Puppe, und fährt durch Dallas, in Erwartung der tödlichen Schüsse, die den Präsidenten jeden Augenblick treffen werden. Und in dem Wissen, was kommen wird, zieht Jackie, noch bevor die Schüsse fallen, den neben ihr Sitzenden zu sich herunter, um ihn zu retten; so stark ist in ihr das Gefühl, dass sie "die einmalige Chance hätte, was geschehen war, zu verhindern."

Eine Kernszene aus der "Nacht der Zeitlosen" von Patrick Roth. Es geht hier um mehr als das bekannte Spiel mit Film, Fiktion und Realität. Es geht um die Bereitschaft, zuständig zu sein. "Wirklich entscheidend ist: willst du es? Fühlst du die Verantwortung des Moments, das Unmögliche gegen alles Mögliche, gegen die Wirklichkeit selbst zu tun?"

Patrick Roth, der seit mehr als zwanzig Jahren als Drehbuchautor und Regisseur in Los Angeles lebt, hat mit seiner Jesus-Trilogie (1991-1996) "Riverside", "Johnny Shines oder: Die Wiedererweckung der Toten" und "Corpus Christi" ein ebenso faszinierendes wie irritierendes, in jedem Fall eigenständiges Werk vorgelegt. In einer Kunstsprache, die Deutsches und Amerikanisches, Vergangenes und Heutiges, Heiliges und Profanes in zwingendem Rhythmus zusammenführt, hat er dreimal in kühner, oft befremdlicher Bilder-Theologie den neutestamentlichen Stoff von Kreuzigung, Tod und Auferstehung variiert, als Erkenntnisprozess: das Wandern durch die Nacht zum Licht, Sterben und Wiedergeburt, den schmerzhaften Weg zur Vereinigung mit dem "Anderen" in sich selbst.

Die Wirklichkeit dieser therapeutischen "Seelenrede" ist die der inneren Bilder, der durch Träume und Mythen gespeisten psychischen Prozesse. Die Desorientierung des Lesers ist Teil der Poetik: Die Sprache soll "gleichzeitig" sein - von der Erschütterung aller Gewissheiten nicht im Nachhinein reden, sondern die verstörende Erfahrung selbst inszenieren.

In der "Nacht der Zeitlosen" scheint der Kampf um die Sprache als Medium der Erfahrung zur Ruhe gekommen. Patrick Roth hat aus dem synthetisch-widerspenstigen Stil der Trilogie zu einem eigenen Ton von klarer Intensität gefunden, der immer wieder poetisch aufblüht ("kleid-rauschend kühl", "ihr blindgeschlagener Schrei"), das Erzählte aber doch sehr plausibel in der Wirklichkeit des Alltags verankert. Immer wieder entsteht der Eindruck des Autobiografischen. Die Episoden sind prägnant gezeichnet, etwa wie in dem Fünfzehnjährigen die Liebe zum Englischen erwacht und sogleich, über der Lektüre von Poes Erzählung "The Tell-Tale Heart", wie von selbst in die Liebe zur Englischlehrerin übergeht. Der Leser glaubt sich zunächst auf einigermaßen übersichtlichem Terrain. Doch setzt auch in diesem Buch, während man dem Sog der Sprache verfällt, sehr bald Verwirrung ein, ein fragendes Suchen nach dem inneren Zusammenhang.

Die überhitzten Phantasien eines Heranwachsenden; der "Stab Moses", ein zufällig gekauftes Filmrequisit; ein Brand in der Nacht; eine Party unter Filmleuten in Los Angeles. Was hält das alles zusammen? Was ist das für eine Reise, auf die man sich hier begibt? Die Komposition ist klar, die drei Teile "sundown" - "night" - "sunrise" markieren den Weg durch die Nacht. Die Exposition gibt den zeitlichen Rahmen vor: die elf Stunden vor dem großen Erdbeben in Los Angeles am Morgen des 17. Januar 1994. Elf Stunden Zeit, die eigene Zuständigkeit auszuloten, sich zu stellen, ins Dunkel zu springen, in der Hoffnung auf Licht am anderen Ende.

Bei den nun folgenden Erkundungen glaubt man Roths rätselhaft-hermetische Bildersprache in ihrer Entstehung beobachten zu können. Der Mörder in Poes Erzählung, der das verräterische Pochen des Herzens nicht als sein eigenes erkennt. Die Frau, durch blaue Abendhandschuhe leicht ins Mystische gehoben, Helferin auf der Seelenreise, gegen einen alten Pontiac gelehnt (in "Johnny Shines" lehnte sie an einem silbernen Airstream). Der Dieb, zugleich ein Gott - Hermes vielleicht, Bote von einem zum andern, aber auch Begleiter der Toten. Roths Bildersprache soll nicht entschlüsselt, sondern erfahren werden. Man kann sich ihr nur hingeben und die Stationen durchleben, die er vorgibt: Verwirrung - Weisung - Annehmen von Schuld und Verantwortung: ein Schritt, der nichts anderes ist als die "Gelegenheit, das Leben zu ergreifen."

Das zeigt die Frau am Schluss, Lucia Alvarez, mitten in den Schrecken der im Erdbeben zusammenstürzenden Welt: "die glaubt nicht, dass Söhne gestorben, die Welt untergegangen und alle Zeit aufgehört hatte zu sein." Ihr gelingt, was Jackie nicht gelang und auch dem Erzähler nicht beim Versuch, die eigene dunkle deutsche Vergangenheit ungeschehen zu machen - sie ergreift die "Chance, das Zeitenrad anzuhalten", macht Geschehenes ungeschehen und bringt ihren Sohn wieder zum Leben.

Mit erstaunlicher Leichtigkeit und verblüffender Unbefangenheit setzt Patrick Roth seine existentielle Thematik in den amerikanischen Alltag. Und wenn wir auch, wie es im Text heißt, alle in getrennten Welten leben: Patrick Roth jedenfalls versteht es, seine Welt, eine Synthese aus literarischen Assoziationen, Filmerinnerungen, Träumen und unbewussten Bildern, als einen faszinierenden Kosmos mitzuteilen.

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