Welt : Die nackte Canzone

Die russische Sopranistin Anna Netrebko ist populär wie ein Popstar – und spürt auch die negativen Seiten

Frederik Hanssen

„In meinen Träumen singe ich nackt.“ Hat Anna Netrebko diesen Satz nun gesagt oder nicht? „Bullshit“, behauptet die Opernsängerin. Selbstverständlich kontert „Focus“-Redakteur Gregor Dolak – nämlich bei einem Interview, das er mit ihr geführt habe und das unwidersprochen in dem Nachrichtenmagazin abgedruckt wurde. Darum ziert der Satz auch den Buchrücken von Dolaks jüngst erschienener Netrebko-Biografie. „Wir haben kurz darüber nachgedacht, gerichtlich gegen die Publikation vorzugehen“, erklärt Peter Schwenkow, der Chef der DEAG, die Netrebkos Open-Air-Auftritte veranstaltet. „Dann aber haben wir uns dagegen entschieden. Es ist besser, die unautorisierte Biografie einfach mit Nichtbeachtung zu strafen.“

Viel wird das nicht nützen – denn Anna Netrebko ist in aller Munde. 38 Prozent aller Deutschen kennen die 32-jährige russische Sopranistin, wie gerade eine repräsentative Umfrage ergeben hat. Angesichts der Tatsache, dass sich normalerweise nur acht Prozent der Bevölkerung für klassische Musik interessieren, ein phänomenales Ergebnis. „Mit Hilfe unseres Sponsors O2 hoffen wir, Annas Bekanntheitsgrad bald auf über fünfzig Prozent heben zu können“, erklärt Schwenkow. Das könnte klappen: In den Werbespots der Telefongesellschaft steigt die attraktive Russin sogar in die Badewanne.

Doch auch jetzt schon wandelt die Opernsängerin zwischen Stadien wie sonst nur Popstars. Beim Start ihrer Tournee Mitte April in der Köln-Arena jubelten 8000 Zuschauer am Ende 40 Minuten lang, für ihren Auftritt im Juli auf dem Münchner Königsplatz werden Ticketpreise bis zu 218 Euro verlangt. Längst ist Anna Netrebko von der Boulevardpresse in den Rang eines Top-Promis erhoben worden, jeder ihrer Schritte wird von den Gazetten registriert. Das wiederum rief gleich zwei Buchverlage auf den Plan, die vom großen Rummel um die schöne Sopranistin profitieren wollen: Heyne hatte mit Gregor Dolak die Nase vorn, jetzt zog Rowohlt mit der Münchner „Abendzeitungs“-Redakteurin Marianne Reissinger nach.

Netrebko selber findet sich übrigens viel zu jung, um schon mit Lebensbeschreibungen gewürdigt zu werden. Doch das ist nun einmal der Bumerang- Effekt der gigantischen Kampagne, mit der die russische Sopranistin von ihrer Plattenfirma gepusht wird.

Da ist es für die Deutsche Grammophon doppelt bitter, wenn das Erscheinungsdatum der seit langem für den Herbst angekündigten nächsten CD ihrer Diva verschoben werden muss: Mit dem ehemaligen Chef der Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado, sollte das Album mit Mozart-Arien aufgenommen werden – doch bei den Aufnahmesitzungen in Bologna entschlossen sich die Künstler spontan, noch weiteres Repertoire hinzuzunehmen. So jedenfalls die offizielle Version von Grammophon-Pressesprecher Andreas Kluge. „Vielleicht noch in diesem Jahr“, spätestens aber Anfang 2006 wird die neue Netrebko-Scheibe nun auf den Markt kommen. Gerade noch rechtzeitig, um beim großen Jubeljahr zu Mozarts 250. Geburtstag mitverdienen zu können.

Selbstverständlich hat Kluge auch seine eigene Interpretation des Satzes „In meinen Träumen singe ich nackt“ parat: Da sei Frau Netrebko gründlich missverstanden worden. Gemeint habe sie natürlich, dass sie sich beim Singen sehr verletzlich fühle, aller schützenden Hüllen beraubt. Solche Angstträume habe jeder Künstler, der auf der Bühne alles gibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar