Welt : Die Radikale

Diagnose: keine. Vorerkrankungen: keine. Trotzdem hat sich Angelina Jolie zu einer brachialen Operation entschlossen. Und ihre Privatsache öffentlich gemacht. „Meiner Weiblichkeit tut das keinen Abbruch“, sagt die Schauspielerin.

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Mrs. Super-Wow. Angelina Jolie will Vorbild sein. Foto: Hermann Bredehorst/Polaris
Mrs. Super-Wow. Angelina Jolie will Vorbild sein. Foto: Hermann Bredehorst/PolarisFoto: Polaris/laif

Sie trägt das so genannte Brustkrebsgen in sich, und das verbreitet Angst in ihrem Leben. Angst davor, dass die Krankheit ausbricht und dass das vielleicht zu spät erkannt wird. Angst davor, elend zugrunde zu gehen. Angst davor, die Familie zurücklassen zu müssen.

Sie weiß, was Krebs ist, hat ihn bereits einmal bekämpft. Darmkrebs war es damals. Sie fällt eine Entscheidung. Die Brust, die Region, in der die Krankheit angreift, kommt weg. Wo kein Schlachtfeld, da kein Krieg. Sie lässt sich operieren. Es ist November 2012, und sie ist Sharon Osbourne. 60 Jahre alt und Ehefrau des Rockmusikers Ozzy Osbourne. Weltweites Echo? Fehlanzeige.

2008 unterzog sich Christina Applegate derselben Operation. Bei ihr war Krebs bereits in einer Brust diagnostiziert worden. Therapiert wurde mit Erfolg, der Krebs streute nicht. Trotzdem ließ sie beide Brüste entfernen, „vorsorglich“, und sich zitieren mit der Begründung: „Ich wollte das Ding los sein.“ Christina Applegate, die Tochter von Al Bundy. Wer erinnert sich?

Und nun Angelina Jolie. Superstar, Superfrau, Supermama, 37 Jahre alt.

Diagnose: keine.

Vorerkrankungen: keine.

Trotzdem so eine brachiale Operation. Diesmal ist es ein Tabubruch. Das weltweite Echo ist unüberhörbar.

Angelina Jolie hat über die Operation in der „New York Times“ geschrieben. „Meine medizinische Wahl“, heißt der Artikel. Sie schreibt darin, dass auch sie das „Brustkrebsgen“ in sich trage. Dass deshalb ein hohes Risiko bestanden habe, dass die Krankheit ausbricht. Dass dies nach der Operation auf fünf Prozent gesunken sei. Dass ihre geliebte Mutter an Krebs gestorben sei, und dass sie ihren Kindern über ihre eigene Gefährdung etwas vorgemacht habe. Dass Implantate „beautiful“ sein können. Dass sie hoffe, dass viele Frauen den Gentest machen, den sie gemacht hat, und dass sie Mut machen möchte mit ihrem Bericht.

Und dann schreibt sie noch, dass das Leben viele Herausforderungen an einen stelle, und dass man am wenigsten Angst haben müsse vor denen, die man annehmen und unter Kontrolle halten könne.

Damit endet ihr Artikel – und die Spekulationen darüber, ob Angelina Jolie verrückt geworden ist, beginnen.

Warum macht sie das? Sich selbst kaputt? Ist das nicht so, als zertrümmere jemand seine Puppe, weil die ohnehin früher oder später mal kaputt gehen könnte? Oder ist es die rationale Antwort auf ein Bedrohungsszenario, dem entschlossen entgegenzutreten ist?

Das ist eine Frage, die kaum zu beantworten ist, ohne von Amerikas Umgang mit der Krankheit zu wissen. Brustkrebs ist in den USA ein öffentliches Ereignis. In acht Städten des Landes ist allein der „Avon Walk“ präsent, der jetzt im elften Jahr veranstaltet wird und tausende Aktivisten mobilisiert. In Boston etwa, in Chicago oder wie gerade erst in Washington: Am ersten Mai-Wochenende war die US-Hauptstadt vom Rock Creek Park bis runter zu den Ufern des Potomac pinkfarben verkleidet. Ab sechs Uhr morgens hatten sich nahe des Washington Monument die in pink gekleideten Läuferinnen und Läufer des „Avon Walk for Breast Cancer“ gesammelt, um einen Rundkurs zu absolvieren. Es war eine Art Volksfest gegen den Krebs, und Bekenntnisse über die eigene Krankheitsgeschichte oder die einer Freundin schmückten viele T-Shirts. Rosarote Luftballons markierten die Erfrischungsstationen, und überall wurde um Spenden gebeten. 4,5 Millionen US-Dollar konnten allein an jenem Wochenende eingesammelt werden.

Dazu kommt eine größere Operationsfreude in den USA und ein großes Vertrauen in präventive Maßnahmen – in Kontrollierbarkeit. Laut einer Studie von 2010 ist die Zahl der Frauen, die sich vorsorglich ihre Brust amputieren ließen, zwischen 1998 und 2007 um das Zehnfache angestiegen. Ein Trend, der um sich greift und nun auch Angelina Jolie ergriffen hat. Wer folgt eigentlich wem?

Angelina Jolie ist unter den Superstars die radikalste. Eine, die sich ihre eigene Welt gebaut hat. Mit übertriebenem Reichtum und dazugehörigen Ausgeflipptheiten, mit Superfigur, Superkleidern und Superlippen, mit Supermann und Superfamilie, und eine Superbotschafterin ist sie auch noch, die für das UN-Flüchtlingshilfswerk Wirtschaftsforen in Davos besucht und Elendsgebiete auf der ganzen Welt. Und nun geht sie wieder einen Schritt weiter. Macht sich nicht nur die Welt, wie sie ihr gefällt, sondern will auch ihre genetische Disposition nicht einfach hinnehmen.

Ihrer Weiblichkeit, schreibt sie, habe die Operation keinen Abbruch getan. „In no way.“ Dass sie das sagt, danken ihr viele Frauen, die sich vor genau dieser Frage fürchten oder sich vor ihr schämen. Und so sind die Kommentare, die sich unter dem Artikel in der „New York Times“ häufen, fast alle von Frauen, und die sind fast alle begeistert. So mutig, so tapfer, so hilfreich, so fürsorglich, so wundervoll. An manchem Lob hängt noch ein skizzierter eigener Schicksalsbericht. Mütter starben, Schwestern, Freundinnen, und man selbst habe dieses Gen.

Und was macht eine Frau denn mit dem Wissen, dass sie prädestiniert ist für Brustkrebs? Und was macht sie anders, wenn sie Mutter von sechs Kindern ist?

Die Kinder von Angelina Jolie sind in ihrem Bekenntnis zentral, um sie dreht sich alles. Mit Kindern, das wissen viele Mütter, denkt man plötzlich anders. Eine Mutter fragt sich bei ihren Entscheidungen auch, was sie ihren Töchtern oder Söhnen zumutet. Angelina Jolie schreibt, ihre Kinder hätten sie gefragt, ob ihr dasselbe passieren könne wie ihrer Mutter, der Oma, der „Mommy’s Mommy“. „Ich habe ihnen immer gesagt, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen“, schreibt sie. Was sie nicht für die Wahrheit hielt.

Aber nun, nach den Operationen, sähen die Kinder nichts als „kleine Narben“. Alles andere „ist einfach nur Mama, dieselbe, die sie immer war“.

Vielleicht ist Angelina Jolie in dieser Situation auch weniger Mutter ihrer Kinder als Tochter ihrer Mutter. Noch Jahre, nachdem ihre Mutter Marcheline Bertrand 2007 an Krebs gestorben war, sah man Angelina Jolie weinen, wenn die Rede auf sie kam. Sie sei der „weiche Punkt“ in ihrem Leben, über alles könne sie reden, über ihre Mutter nicht.

Und dann macht sie einen Gentest und weiß dieselbe Krankheit in sich, an der ihre Mutter starb. Wer hielte da nicht ein mögliches Nichthandeln für verrückt?

Angelina Jolie schildert die Prozedur nur stichwortartig, von „Nipple Delay“ ist die Rede, Rettung der Brustwarze, von Schläuchen, Schmerzen, dem Gefühl, in einem Science-Fiction-Film mitzuspielen. Ihre Operation habe sogar die Familie näher zusammengebracht.

In den Kommentaren kommt nur einmal der Gedanke vor, der Mensch solle bleiben, wie er ist, egal, was komme. Alle anderen preisen die medizinischen Möglichkeiten, kritisieren höchstens, dass nicht jeder Zugriff auf den Eingriff habe, weil er Geld kostet. Das kritisiert auch Angelina Jolie. 458 000 Frauen würden pro Jahr an Brustkrebs sterben, die Testkosten seien für viele zu hoch. Dafür wird sie gepriesen als eine Frau, die Türen aufstoße für andere und Mut mache.

Für neue Wege, die unbeirrt zu beschreiten sind, stand Angelina Jolie schon vor diesen neuesten Schlagzeilen – mit ihrer Biographie. Verrückt war sie vor allem als Jugendliche. Radikal, experimentierfreudig und angstlos bis an den Rand der Selbstzerstörung. Es gab extreme Drogenphasen, Tätowierorgien, wilde Beziehungen. Alles das schrie nach Aufmerksamkeit. Ihre Biographen jedenfalls deuten es so, der Schauspieler-Übervater Jon Voight, den es zu beeindrucken gilt, hat damit zu tun, die Mutter ebenso.

Das änderte sich, als sie für die Dreharbeiten zu „Lara Croft“ nach Kambodscha kam. Sie entdeckte eine Art Ernst des Lebens, adoptierte das erste Kind und engagiert sich seither mit viel Geld und viel Zeit für die Elendsregionen dieser Welt. Eine gewisse Getriebenheit, eine Übertriebenheit oder Radikalität lässt sich auch weiterhin finden. Nicht ein oder zwei Kinder hat sie, nein sechs, nicht ein Land, in dem sie sich engagiert, nein, quasi jedes, in dem etwas zu beanstanden gibt. Dann kam sie nicht mit irgendeinem Mann zusammen, nein, es wurde der „Sexiest Man Alive“, Brad Pitt. Dann dreht sie den ersten eigenen Film und zwar nicht über irgendwas, nein, über ein düsteres Kapitel aus dem fernen Europa, den Balkankrieg, dessen Beteiligte noch leben.

Eine Szene zeigt darin, wie serbische Soldaten über alte bosnische Frauen herfallen, sie nackt vor sich hertreiben, wie die alten Frauen versuchen, sich zu bedecken, verschämt, gedemütigt. Angelina Jolie hat bei der Filmwerbetour erzählt, wie schockierend sie die Berichte der alten Frauen gefunden habe. Wie entsetzlich. Aber warum solche Szenen dann noch im Film zeigen? Ihre Antwort war: Weil es sein musste.

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