Welt : Die Sucht der Helfer nach Katastrophen

Anthony Morland

Viele Retter in Mosambik kennen sich schon aus anderen KrisengebietenAnthony Morland

Sie sind Piloten, Feuerwehrleute, Ingenieure, Mechaniker oder Elektriker. Der eine kommt aus Deutschland, der andere aus Großbritannien, der nächste aus den USA. Unter normalen Umständen hätten sie sich nie getroffen. Doch in Beira im Herzen von Mosambik herrschen keine normalen Umstände, hier herrscht die Katastrophe. Und wo es um die Folgen von Katastrophen geht, ist Willie McMartin oft nicht weit. Internationale Rettungseinsätze sind für den 48-jährigen Schotten regelrecht zur Sucht geworden. "Das ist wie bei einer Krebserkrankung, wenn man es nicht rechtzeitig behandelt, ist es zu spät", sagt er über sich selbst. Wenn er nach einem Erdbeben, einem Wirbelsturm oder einer Jahrhundertflut in ein fremdes Land kommt, trifft er dort oft alte Bekannte: Leute, die ebenfalls vom Rettungsfieber gepackt sind.

Daheim in Carron ist McMartin hauptberuflich Feuerwehrmann, doch dieser schon an sich alles andere als langweilige Job füllt ihn allein nicht aus. "Das hier nimmt einen völlig in Beschlag", sagt er. Helfen können, in die Gesichter von dankbaren Menschen blicken, für die niemand sorgt - das verschafft dem Retter die Bestätigung, die ihn seine Urlaube für Rettungseinsätze verwenden lässt. "Dieser Schimmer in den Augen der Leute, denen man gerade Hilfe gebracht hat, das übertrifft alles", erläutert McMartin. In Beira leitet er ein Team der britischen Hilfsorganisation Rescue Corps, die 1981 nach dem schweren Erdbeben in Italien gegründet worden war.

Selbst ein hoher persönlicher Preis konnte ihn nicht davon abhalten, weiterzumachen, die nächste Maschine zur nächsten Katastrophe zu besteigen: Seine Frau wollte es irgendwann nicht mehr hinnehmen, ihren Mann entweder im Schichtdienst bei der Feuerwehr zu wissen oder noch unerreichbarer in einer häufig nicht ungefährlichen Rettungsmission im Ausland. "Wenn Sie keine Familie haben, die das mitträgt, zum Beispiel eine Frau, die in der gleichen Hilfsorganisation arbeitet, dann bricht Ihre Familie auseinander. Ich habe das erlebt." Der Brite meint dennoch, das Richtige zu tun: "Die Menschen brauchten Hilfe, so einfach ist das."

Die internationalen Hilfsorganisationen in Mosambik wollen in dieser Woche mit der Verteilung von Saatgut und Arbeitsgeräten beginnen. Nachdem die Ernte von den Überschwemmungen vernichtet wurde, konzentrieren sich die Behörden nun auf die nächste Pflanzzeit Ende April, damit sich die Menschen im September wieder allein versorgen können. "Wenn wir die Saat jetzt nicht zu den Bauern bringen, werden sie die September-Ernte verpassen und wir müssen sie noch bis April 2001 unterstützen", sagte die Sprecherin des UN-Welternährungsprogramms, Lindsey Davies, am Sonntag. Etwa 80 Prozent der 20 Millionen Einwohner Mosambiks sind Bauern. Für die nächsten zehn Tage werden weitere Regenfälle vorhergesagt.

Ein anderer der vielen Helden von Mosambik ist Dave Kyger, Pilot eines Hubschraubers vom Typ HH60 der US-Air Force. Kyger ist in Beira, weil ihn seine Vorgesetzten dorthin geschickt haben. Zunächst dachte er, Befehl ist Befehl, doch mittlerweile ist der 37-Jährige kaum weniger begeistert von seiner humanitären Arbeit als der Brite McMartin. "Das hat uns schon gut getan, die Bewaffnung aus dem Hubschrauber rauszunehmen und die Kiste statt dessen mit Nahrungsmitteln vollzupacken", sagt er. Der US-Offizier war bisher an den UN-Überwachungsflügen über Nord-Irak beteiligt und wollte eigentlich an diesem Wochenende daheim in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico mit Frau und Kindern ein Baseball-Spiel anschauen. "Aber wir haben uns alle für den Einsatz hier gemeldet. Jeder hatte Lust, herzukommen."

Nicht nur die reichen Staaten leisten in Mosambik Hilfe. Die ersten Hubschrauber, die über die Überschwemmungsgebiete flogen, kamen aus dem kleinen und armen Nachbarland Malawi. Zwei Hubschrauber konnten die malawischen Streitkräfte entbehren, die seit Februar schon hunderte von Einsätzen flogen. Mehrere tausend Menschen in Mosambik verdanken daher dem malawischen Kommandeur Augustin Mashamba ihr Leben. "Wir machen weiter, solange man uns hier braucht" sagt der 43-Jährige. Dann spricht er mit einer Gruppe deutscher Piloten.

In flüssigem Deutsch.

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