Welt : "Die Tochter des Kannibalen": Vierzig ist das Ende

Jennifer Wilton

Es ist schon eine missliche Situation, in der sich die Kinderbuchautorin Lucía drei Tage vor Silvester befindet: allein auf dem Flughafen von Madrid, das Flugzeug verpasst und vom auf die Toilette entschwundenen Ehemann Ramón keine Spur. Statt romantischem Wochenende in Wien bleibt nur die Rückfahrt in die verlassene Wohnung. Bald wird klar, dass es sich um eine Entführung handelt. Das lässt die nervöse Lucía immerhin das Gesicht wahren vor den gehässig ein Ehedrama vermutenden Freunden und Eltern. Sie findet Trost bei ihren Nachbarn, dem alten Félix Roble und dem zwanzigjährigen Adrián. Beide stehen ihr fortan treu zur Seite, in einem Krimi nach scheinbar klassischen Mustern. Da fehlt es weder an bedrohlichen Anrufen und Angriffen, gescheiterten Geldübergaben und zwielichtigen Mittelsmännern, noch an der Entdeckung, dass die Spuren in die Kreise hoher Staatsbeamter führen. Ziemlich schnell muss Lucía erkennen, dass ihr Gatte unschuldig in den Fall verwickelt wurde.

In die Haupthandlung eingeflochten ist auch die anrührende Lebensgeschichte des 80-jährigen Félix: die Erinnerungen eines idealistischen Anarchisten, Toreros, leidenschaftlichen Liebhabers, dessen Spitzname Fortuna oft genug seinen Erlebnissen zu spotten schien. Aber Identität, heißt es, ist ja "nichts anderes als das, was wir von uns erzählen". Folgerichtig macht Lucía den Leser darauf aufmerksam, dass ihre Geschichte hin und wieder ein wenig modelliert ist.

"Modelliert" hat wohl auch die Autorin Rosa Montero, gegenwärtig eine der bekanntesten Autorinnen und Journalistinnen Spaniens. Die Vermutung liegt nahe, dass sie in ihrem siebten Roman - vier davon sind ins Deutsche übersetzt - bewusst zwei Gattungen vermischt hat, die in den letzten Jahrzehnten in Spanien Erfolg garantierten: den Kriminalroman und die historische Erzählung. Der Erfolg war der 1951 geborenen Madrilenin auch bei "Die Tochter des Kannibalen" wichtig. Rosa Montero macht keinen Hehl daraus, dass sie sich mit dem Roman stark identifiziert. Daher rührt es wahrscheinlich auch, dass die Handlung manchmal nur wie der Hintergrund scheint für Gedanken und Probleme, denen sich die Autorin, gleich ihrer Heldin, irgendwann konfrontiert sah. So ist die Entführung bestenfalls der Auslöser für die Midlife-crisis der Protagonistin. Ihr wird schlagartig klar, dass sie vierzig ist, am Ende ihrer Jugend, die Welt minderwertige und ihr Leben gewöhnlich - und dass sie irgendwann der Tod erwartet. Adrián als energiestrotzender 20-jähriger kann Lucía ganz praktisch demonstrieren, dass sie sich ihrer Weiblichkeit vorerst noch sicher sein kann, und der alterserfahrene Félix mit der Gelassenheit desjenigen helfen, der sein Leben mit allen Höhen und Tiefen überblickt. Die Diskussionen und Reflexionen, die sich dabei ergeben, reichen von der Entdeckung der Schäbigkeit der Welt über die Korruptheit des Staates bis hin zu zwischengeschlechtlichen Beziehungen. Kurz: Sie umfassen so ziemlich alles. Dies mal mehr, mal weniger originell, aber immer intelligent und treffend. Das bringt zwar nicht wirklich neue Erkenntnisse. Vielleicht könnte man sich sogar fragen, ob man das alles schon wieder lesen will. Aber man will. Weil es so unterhaltsam und stilsicher geschrieben ist. Und weil es so ist, wie der alte Félix meint: Viele Alltagsweisheiten erscheinen eben altväterlich und platt. Aber sie helfen. Daher ist dann auch nicht mehr die Auflösung des Kriminalfalls, der ohnehin unspektakulär ausläuft, sondern die Erkenntnis, dass es "Schönheit immer gibt" des Rätsels Lösung.

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