Welt : Die Untersuchung ist eingestellt - sind die Fotografen ohne Schuld? (Glosse)

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Nein, wir waren es nicht! Wirklich nicht. Es war nicht die Presse, keine überdrehte Fotografen-Meute, kein auflagenabhängiger Verleger. Ehrenwort! Nicht einmal im Geiste, weder unsere Bilder-Gier, noch unsere Lust auf immer spitzere, immer längere Dramen waren im Spiel. Ein besoffener Chauffeur, eine Geschoss auf Rädern, eine scharfe Kurve, ein Betonpfeiler im Tunnel und eine Menge Pech haben den Unfalltod der Princess of Wales verschuldet. Stimmt: Die schnellsten Truppen sind selten die besten. Aber schon gar nicht jene journalistischen Selbstbeschuldigungstruppen, die sofort Fahnenflucht begehen und sofort mit spitzen Fingern auf die beschuldigten Kollegen in Paris zeigen. Schnell, verdächtig schnell haben sich da viele Journalisten vorsorglich ins Büßerhemd geworfen und die poröse Trennlinie zwischen Sensationsgier und Chronistenpflicht lauthals beklagt - und zur Nahtstelle von Tod und Leben stilisiert. Völlig störend war es da, dass die Fotografen ihre Unschuld beteuerten. Dabei sind wir alle mehr oder weniger kurzatmige Fliessbandarbeiter in einer Spannungs-Industrie, die nur überlebt, wenn die Spannung nie nachlässt und der Leser nie wegläuft. Unser schönstes Surrogat einer Märchenprinzessin, die Princess of Wales, hat die "Vermischten Seiten" aller seriösen Blätter jahrelang gefüllt - zum Plaisir aller. Werfe in Zukunft also der den ersten Stein, der nur moralische Höhenluft einatmet und nie in den Niederungen der "Vermischten Seiten" liest.

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