Welt : "Die Vielfalt der Moderne": Shmuel Eisenstadts Vergleiche politischer Kulturen

Klaus-Georg Riegel

Der seit 1959 an der Hebrew Universität in Jerusalem lehrende Shmuel. N. Eisenstadt gehört zu den bedeutendsten Soziologen der Gegenwart. Die Bandbreite seiner Forschungsinteressen und die kaum noch überschaubare Zahl seiner einflussreichen Schriften weisen ihn als einen "living classic" der modernen Soziologie aus. Eisenstadt hat klassische Studien über die politischen Systeme von Imperien (1963), über Generationengruppen und Gesellschaftsstruktur (1956) und Studien zur Modernisierung Israels (1987) wie Japans (1996) vorgelegt. Besonders seine Arbeiten über die politischen und kulturellen Modernisierungsprozesse von westlichen Industriegesellschaften und Gesellschaften der Dritten Welt haben ihm eine internationale Reputation verschafft.

Moderne im Plural

War Eisenstadt - noch ganz unter dem beherrschenden Einfluss der struktur-funktionalen Schule von T. Parsons stehend - in früheren Publikationen davon überzeugt, dass auch die nicht-wesentlichen Entwicklungsgesellschaften mehr oder minder dem Modernisierungsmodell des Westens folgen würden, so hat er in den letzten Jahren diese Perspektive entscheidend verändert. Die Vielfalt von Modernisierungswegen unterschiedlicher Gesellschaften, und nicht mehr ihre Uniformität im Schatten von erfolgreichen Modernisierungsgesellschaften des Westens stehen für Eisenstadts Denken nun im Vordergrund. Seine Heidelberger Max-Weber-Vorlesungen (1997) demonstrieren diese Vielfalt der Moderne an den unterschiedlichen Modernitätsmodellen Westeuropas, der USA und Japans. Spannend wird diese Dokumentation der Modernisierungsdifferenzen aber erst dadurch, dass Eisenstadt sie in Beziehung zu ihrem Potenzial an Protestbewegungen und fundamentalistischen Herausforderungen setzt.

Fundamentalistische Bewegungen bilden keinen Gegensatz zur Moderne, so Eisenstadt, sondern müssen als ihr integraler Bestandteil angesehen werden. Die verschiedenen Modernisierungsgesellschaften unterscheiden sich allerdings darin, wie sie strukturell und kulturell ihr jeweils eigenes fundamentalistisches Erbe rezipiert und verarbeitet haben.

Gerade am Beispiel der Vereinigten Staaten wird hier erstaunlich deutlich, wie eng deren Entwicklungsweg zur "First New Nation" durch ein fundamentalistisches Protestpotential geformt worden war. Es entbehrt also nicht der Ironie, wenn gegenwärtig gerade die Vereinigten Staaten mit ihrem eigenen fundamentalistischen background als schärfster Kritiker von islamischen Fundamentalismusbewegungen hervortreten.

Nicht zufällig leitet sich die heute übliche Sammelbezeichnung für fundamentalistische Bewegungen aus der amerikanischen Geschichte der zahlreichen religiösen Reform- und Protestbewegungen ab, welche sich besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die sakralen biblischen Grundwahrheiten, die sogenannten fundamentals, beriefen. Eisenstadt zeigt deutlich, dass der amerikanische Modernisierungsmythos nicht als Fortsetzung der europäischen Moderne, sondern als Neubeginn der Schaffung einer neuen Welt der Vollendung und Erlösung zu verstehen ist.

Fundamentale Symbolwelt

Die amerikanische Zivilreligion hat deshalb besonders tief die Symbolwelt der politischen Institutionen geprägt. Die kollektive Identität der amerikanischen Nation war von dem fundamentalistischen Sendungsauftrag durchdrungen, als "Reich Gottes" zu wirken. Das gesamte Repertoire politischer und rechtlicher Verfassungsgrundsätze sowie die Gründungsmythen von Egalität und Individualität wirkten als universalistische Glaubenssätze, welche mit missionarischen Bekehrungseifer weltweit verkündet wurden. Allerdings stellten die verschiedenen millenaristischen Protestbewegungen nicht die Grundlagen der amerikanischen Sozialordnung in Frage. Beabsichtigt wurde lediglich, die unvollkommene Wirklichkeit an der utopischen Vision zu messen und sie von ihren komprimittierenden Defekten wie Sklaverei, Rassismus, Korruption, Ausbeutung und sozialer Ungleichheit zu "reinigen" (Samuel Huntington) von Pragmatismus und Idealismus. Der europäische Jakobinismus, der totalitäre Zugriff auf das politische Zentrum, blieb sowohl der amerikanischen wie auch der japanischen Nation erspart.

Auch die japanische Moderne bezog sich auf eine sakrale, die ethnischen Bindungen betonende Gemeinschaft, die sich durch die Meiji-Restauration zu einer modernen "göttlichen" Nation verwandelte. Der Shinto-Staatskult mit der sakralen Kaisersymbolik diente als Bezugspunkt für eine Modernität, die im Unterschied zu den USA aber keine universalistischen und utopischer Wertvorstellungen freisetzte.

Japans Sperre gegen Autonomie

Auch die zahlreichen Protestbewegungen und Neuen Religionen, welche die Genese der japanischen Modernität begleiteten, ließen keine autonome Zivilgesellschaft entstehen. Die japanische Konzeption eines "formierten Pluralismus" wurde durch ein Netzwerk von Allianzen aus Politik, Bürokratie, Wirtschaft, Militär gestützt. Eine "funktionale Gleichheit" sicherte keine egalitären Ansprüche des Individuums, sondern wies jeder Person eine Leistungsfunktion im Rahmen der nationalen Wohlfahrt zu. Ein fundamentalistischer Aufbruch in eine jakobinische Modernität war unter diesen Bedingungen nicht möglich.

Unter der "jakobinischen Dimension der Modernität" versteht Eisenstadt die "Kombination von utopiegeleiteter Sekte mit jakobinischer Politik". In dieser Verbindung erkennt er das Erbe der Großen Revolutionen der Moderne - allen voran die Französische Revolution -, welche die transzendente Utopie in jene eines irdischen Paradieses verwandeln wollte. Die neuen "Jakobiner" der totalitären Modernität begnügten sich nicht damit, an der intellektuellen Peripherie weltabgewandter Heterodoxien zu verharren. Vielmehr propagierten sie den Vorrang des politischen Zentrums. Es ging ihnen darum, die gesamte Gesellschaft als Laboratorium zu organisieren, um ihre utopischen Visionen zu realisieren. Der moderne christliche, jüdische und islamische Fundamentalismus, den Eisenstadt eingehend behandelt, setzte mit anderen Worten schlicht die Modernität jakobinischer Politik fort.

Sakrale Traditionen

Das Primat des politischen Zentrums, die Nutzung moderner Mobilisierungs- und Propagandamethoden, die Trennung zwischen einer reinen Binnenmoral für eine exklusive Minderheit einerseits, und der befleckten Alltagsmoral der Majorität andererseits, die selektive Instrumentalisierung demokratischer Verfassungsprinzipien und die radikale Neuinterpretation der sakralen Traditionsbestände - all diese Aspekte gehören zu den wichtigsten Merkmalen dieser modernen fundamentalistischen Bewegungen.

Die Lektüre von "Vielfalt der Moderne" ist keine leichte Kost. Ohne Unterlass klassifiziert und differenziert Eisenstadt die umfangreichen historischen und kulturellen Datenbestände, über die er verfügt. Die Mühe des Lesers, Eisenstadts globalen Exkursionen zu folgen, wird allerdings belohnt mit einem geschärften Blick in die kulturelle Vielfalt fundamentalistischer Herausforderungen. Eine lebhafte Erinnerung an die moderne Genese fundamentalistischer Differenz bewahrt Eisenstadt davor, diese blind in eine antimoderne Schablone zu zwängen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar