Doppelmord in Bodenfelde : Jan O. will umfassendes Geständnis ablegen

Jan O. prahlte im Internet mit der Tat – niemand in Bodenfelde hatte etwas von seiner Mordlust erahnt. Am Freitag will der Doppelmörder umfassend gestehen.

Marcus Schwarze,Alexander Dahl,Andreas Fuhrmann
Trauerzug in Bodenfelde am Freitag vor der Beerdigung Ninas.
Trauerzug in Bodenfelde am Freitag vor der Beerdigung Ninas.Foto: dapd

Der mutmaßliche Mörder der beiden Teenager Nina und Tobias aus Bodenfelde in Niedersachsen will am Freitag ein umfassendes Geständnis ablegen. Sein Mandant habe sich entschlossen, am Freitag vor den Ermittlungsbehörden reinen Tisch zu machen, sagte Anwalt Markus Fischer der Nachrichtenagentur dpa. Der 26-Jährige werde voraussichtlich auch Einzelheiten der Taten schildern, soweit er sich erinnern könne.
Jan O. werde von Gewissensbissen geplagt. Im Gespräch mit ihm habe der Beschuldigte zugegeben, die Jugendlichen in der vergangenen Woche getötet zu haben, sagte Fischer. Nach Informationen der „Welt“ (Freitag) haben die Behörden es versäumt, O. nach Verstößen gegen frühere Bewährungsauflagen rechtzeitig festzunehmen.
Ein „Kleinkrimineller“ sei er bisher gewesen, eher der Typ des „Eierdiebs“, heißt es in Polizeikreisen über die lange kriminelle Karriere des Jan O. Andere sprechen vom „Herumgereichten“. Von einem jungen Mann, der, aus zerrütteten Familienverhältnissen herausgerissen, auch in Erziehungsheimen keinen Halt fand. Seine Fähigkeit zur Grausamkeit, die psychische Perversion einer enthemmten Mordlust indes hatte niemand erahnt: In Bodenfelde hat der 26-Jährige vergangene Woche zwei Kinder ermordet und sie dabei furchtbar zugerichtet. Eine Bluttat, die Jan O. sogar prahlerisch auf der Internetplattform Facebook mitteilt: „Gestern Mädchen geschlachtet. Jeden Tag eins bis mich erwischen“, trägt O. am 17. November in schlechtem Deutsch ein. Gestern hat Facebook die Seite gesperrt. Auch die Polizei revidiert nun ihr Urteil: O. sei ein psychisch Kranker mit dem Potenzial zum Serienmörder.

Ein Dorf trauert
Nachdem der mutmaßliche Mörder von Nina und Tobias gefasst ist, weicht die Sehnsucht nach Aufklärung dem Streben nach der Bestrafung. Doch die Frage bleibt: Warum?Alle Bilder anzeigen
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Zu minderjährigen Mädchen fühlt sich Jan O. schon seit einiger Zeit hingezogen. Im Internet bei „Netlog“ kennt er fast nur junge Frauen im Teenageralter: 19 von 20 Profile stammen beim Flirttreff von eben solchen weiblichen Chat-Partnern. Der mutmaßliche Doppelmörder hat hier ein Bild von sich hochgeladen, das viel über ihn aussagt. Es zeigt den jungen Mann in lässiger Pose, drei Finger der Hand ausgestreckt; er trägt eine schwere schwarze Lederjacke, einen Arm hat er auf dem Bild lässig über die Schulter eines Freundes gelegt. Der Eindruck, den er vermitteln will: ein selbstsicherer Halbstarker auf Frauensuche. Das schreibt er auch in sein Profil: „Sucht: nach Freundschaft, Beziehung“ ist da zu lesen. Und: „Ich stehe auf Weiblich“. Im Juni 2009 hinterlässt er in mangelhafter Rechtschreibung morgens um 4 Uhr 40 einen Eintrag: „welches girly will mehr als nur quwatschen“. Später: „suche girls swischen 10 und 14“. Im Juli 2010 dann: „hatt ein girly zwischen 10 und 16 intresse hat zu chaten und vieleicht mehr bitte melden“.

Teenager tummeln sich auch gerne auf der Plattform von knuddels.de. Dort ist O. unter dem großspurigen Namen „king@jany“ dabei. In das Gästebuch einer erst 14-Jährigen schreibt er vor vier Monaten: „echt hübsch!“ Weitere Spuren hinterlässt er im Forum, wo er mit derb-vulgären Worten nach Sexpartnern sucht sowie als Beruf „stolzer arbeitslohser“ angibt.

Letzteres prägte sein Dasein seit zehn Jahren. Damals, im Frühsommer 2000, verlässt er die Pestalozzi-Sonderschule in Rotenburg an der Wümme. Eine Berufsausbildung absolviert er nicht; er lebt, lediglich gestützt von Hartz IV, in den Tag hinein. Halt hatte O. nie gefunden. Er wird in Uelzen geboren und wächst in eine zerrüttete Beziehung hinein. Vater und Mutter streiten sich fortwährend, der kleine Jan steht immer dazwischen. Seit der zweiten Klasse habe es Ärger mit ihm gegeben, räumt Vater Klaus O. am Mittwoch ein. Irgendwann wird die Ehe geschieden, das Jugendamt nimmt ihn aus der Familie heraus und bringt ihn bei der Großmutter unter. Aber auch die wird mit dem komplizierten Enkel nicht fertig. Mit 14 Jahren kommt er in ein Erziehungsheim. Die disziplinarischen Schwierigkeiten bleiben; er wird von Heim zu Heim gereicht, ohne dass jemand den Teenager wirklich in den Griff bekommt.

Mit Polizei und Justiz kommt der jugendliche O. früh in Kontakt. Er stiehlt Fahrräder, Mofas und anderes mehr, wenn ihm etwa nach einer Spritztour ist. Später kommen Alkohol- und Drogenkonsum hinzu. Er wird wegen Diebstählen und Rauschgiftbesitz mehrfach verurteilt, muss in den Jugendarrest oder Sozialstunden ableisten. Gewalttaten aber verübt Jan O. nie.

2006 schließlich sitzt er erneut auf der Anklagebank des Amtsgerichts Uelzen: 40 Diebstähle hält ihm die Staatsanwaltschaft vor, begangen im „rauschhaften Zustand“, also unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Das Urteil: zwei Jahre und neun Monate. O. schafft später den Drogenentzug und scheint endlich Boden unter den Füßen zu finden. Anfang dieses Jahres ist der junge Mann nach Einschätzung seiner Betreuer „ausreichend stabilisiert“; er darf sich eine eigene Wohnung suchen und findet diese im nahen Uslar.

Die Einschätzung, dass Jan O. es endlich allein schafft, ist falsch. Recht bald ermittelt die Polizei wieder wegen diverser Mofa- und Fahrraddiebstähle gegen ihn. Eine erneute Einweisung in die geschlossene Abteilung der Einrichtung in Amelith ist juristisch nicht möglich. O. hat einen festen Wohnsitz; Fluchtgefahr kann man dem 26-Jährigen auch nicht nachweisen.

Da nahm das Unheil seinen Lauf.

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