Welt : Ehebruch via Zeitungsannonce

Thomas Migge

"Für Ginny, mit all meiner Liebe". Mit diesen Worten beginnt ein langes und leidenschaftliches Gedicht, dass Montag morgen in der Zeitung "Giornale di Lecco" erschien. Das Gedicht ist eine ganze Zeitungsseite lang und schildert eine Liebesgeschichte, die niemanden in der kleinen Stadt nicht weit vom norditalienischen Como entfernt kalt lässt.

Sicherlich handelt es sich um eine Liebeserklärung anlässlich des Sankt Valentinstags am 14. Februar. In Italien ist es nichts ungewöhnliches, wenn solche Erklärungen auch in Tageszeitungem abgegeben werden, um der besseren Hälfte eine Überraschung zu bereiten. Doch das Besondere an der Anzeige in der Lokalzeitung ist nicht nur die Größe des Liebesgedichts, eine ganze Seite, sondern vor allem der Umstand, dass der Autor anonym bleibt und auch die Angebetete außer ihrem Vornamen "Ginny" nicht weiter bekannt ist. Ein Rätsel also, dass nicht mehr als ein freundliches Lächeln bei den Lesern der Anzeige erzeugt hätte, wenn der Text nicht noch auch die Information enthalten hätte, dass es sich bei dem Mann und bei der Frau um stadtbekannte und verheiratete Persönlichkeiten handelt. Wer nur sind die Beiden, fragt sich seit Montag morgen ganz Lecco.

Aus sicherer Quelle soll die Information stammen, die am Dienstag auch von einigen anderen Tageszeitungen aufgegriffen wurde, dass der "Don Giovanni von Lecco", so der "Corriere della sera", einen hohen Posten im Rathaus habe. Beamter für Beamter wird seitdem von den interessierten Bürgern als möglicher Autor der Liebeszeilen diskutiert. Der Vizebürgermeister kann es nicht sein, denn er ist nicht verheiratet. Der Bürgermeister hingegen hat eine Gattin, sieht relativ gut aus und gilt als schönen Frauen gegenüber nicht abgeneigt. Auf das Gedicht in der Zeitung angesprochen, meinte Lorenzo Bodega nur lakonisch "no comment" und heizte damit die Diskussion um die Autorenschaft noch zusätzlich an. In einem Interview Montag abend, als der Klatsch bezüglich seiner Person für ihn unerträglich geworden war, sagte Bodega, dass "die ganze Geschichte eine Erfindung der Zeitung sei, um mehr Ausgaben zu verkaufen". Gegen diesen Vorwurf setzte sich die Redaktion zur Wehr und verwies auf das postalisch eingegangene Originalgedicht und die bezahlte Gebühr für eine ganze Zeitungsseite.

Fabio Dadati ist der einzige, der den Anzeigenkunden kennt, aber seine Identität nicht verraten will. Dadati ist bei der Lokalzeitung für Anzeigen verantwortlich. Montagabend verkündete er zahlreichen Journalisten anderer Blätter, die in Lecco nach dem Autor und seiner Verehrten suchen, dass der Kunde ihm mitgeteilt habe, dass seine verheiratete Liebste von dem Liebesgedicht beeindruckt war. Mehr wollte der Redakteur nicht verraten und Leccos Bürger tappen weiterhin im Dunkeln.

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