Welt : Ein bisschen Frieden

Die Verleihung der Oscars – Spagat zwischen Glamour und Politik

Thérèse Balduzzi

DIE LANGE NACHT DER OSCARS

Der Balance-Akt gelang – weitgehend. Die 75. Verleihung der Oscars war weder eine politikblinde Glamour-Veranstaltung noch eine radikale Manifestation gegen den Krieg. Den Kampf zwischen New York und Chicago gewann „Chicago“. Sechs Oscars erhielt das Filmmusical, Scorseses „Gangs of New York“, der zweite Favorit, ging gänzlich leer aus.

Gespannt waren Organisatoren wie Zuschauer darauf, wie die Hollywoodstars auf die weltpolitische Lage reagieren würden. Würden sie erscheinen und würden sie ihre 45 Sekunden im Rampenlicht vor einem Millionenpublikum dazu nutzen, ihre Ansichten preiszugeben? Schliesslich sind sie beinahe die einzigen Kriegsgegner, die Zugang zu den US-Bildschirmen haben. Vor allem die anwesenden Barbra Streisand, Susan Sarandon und Ben Affleck sind dafür bekannt, sich für die Antikriegsbewegung einzusetzen. Wegen des Krieges abwesend waren Aki Kaurismäki und Will Smith.

Zahlreiche Gäste erlaubten sich beim Gang über den verkürzten roten Teppich, mit der Hand ein Peace-Zeichen zu machen, oder trugen wie Salma Hayek und Adrien Brody dem Anlass entsprechend glamouröse Diamantbroschen in Form einer Friedenstaube oder eines Peace-Zeichens. Aus Angst unangebracht zu erscheinen, wählten viele Stars schlichtere Ballkleider, oft in Schwarz oder abgetönten Farben. Die meisten Präsentatoren hielten sich an die geschriebenen Einführungen. Auch Susan Sarandon, die den „In Memoriam”-Abschnitt der im letzten Jahr verstorbenen Academy-Mitglieder ankündigte, wo eine politische Bemerkung auch höchst unpassend gewesen wäre. Als erster Gewinner – in der Kategorie „Suporting Actor” für „Adaptation” – wünschte Chris Cooper ein eher unverfängliches „Peace for us all”. Seinem Ruf entsprechend wurde Michael Moore, der für seinen Dokumentarfilm „Bowling for Columbine” einen Oscar gewann, dagegen deutlicher. „Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush” – Moore nennt Bush nie Präsident, weil er ihn nicht für gewählt hält – „Shame on you.” (siehe untenstehende vollständige Erklärung). Für seine radikalen Worte erhielt Moore nicht nur Beifall, auch Buh-Rufe erschallten. Nach diesem Dammbruch fühlte sich der als bester Schauspieler geehrte Adrien Brody („Der Pianist“) am Ende seiner unkohärenten Rede verpflichtet, auch den Krieg zu erwähnen. Er wünschte sich ein friedvolles, schnelles Ende des Konflikts, was mit großem Beifall quittiert wurde. Die vorsichtig einstudierten Anspielungen, die sowohl Dustin Hoffman wie Barbra Streisand in ihre Präsentationen einflochten, wirkten nach Moore beinahe brav. Das letzte Protestwort führte aber Pedro Almadovar („Sprich mit ihr“). Er widmete seinen Oscar „allen, die sich gegen den Krieg und für deb Respekt vor dem internationalen Recht einsetzen”.

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