Welt : Ein furchtbarer Verdacht

ROMAN ARENS

Versuchte der Pilot nicht unter, sondern zwischen den Bahnseilen durchzufliegen?VON ROMAN ARENS TRIENT.Beim gemeinsamen Mittagessen im Restaurant an der Talstation hatte sich Marcello Vanzo über die lausige Kälte von zwölf Grad minus beklagt.Danach sind er, der an diesem Dienstag turnusmäßig eigentlich nicht dran, sondern nur für einen anderen Gondelführer eingesprungen war, und sein Kollege Marino Costa wieder an die Arbeit gegangen.Marino grüßte Marcello, als der mit einer halb besetzten Gondel gen Tal unterwegs und nur noch dreihundert Meter von der Talstation entfernt war.Dann gab es einen fürchterlichen Schlag, so berichtete Marino später: "Ich hörte nur das Geheule und Pfeifen des zerschnittenen Drahtseils." Seine Kabine schaukelte.Er konnte nicht sehen, was geschehen war.Ein Waldstück verbarg die grausige Szene mit der zweiten, der abgestürzten Kabine.Erst über Funk hörte er, daß einer der Tiefflieger das Seil durchschnitten hatte."Ich betete, daß das Seil bei mir nicht auch noch nachgibt", erzählte Marino, der erst nach zwei Stunden mit einem Hubschrauber aus seiner gräßlichen Unsicherheit befreit wurde. War etwas mit dem Flugzeug nicht in Ordnung, daß es nicht vorschriftsmäßig in 500, sondern tiefer als in 100 Meter Höhe über das siebzehn Kilometer lange Fiemme-Tal donnerte? Oder: War es wieder einmal ein Flieger, der aus bloßem Jux und Übermut unter den Seilen der Bahn oder gar zwischen ihnen durch fliegen wollte? Ein Jux, der katastprophal mißlang und dieses Mal 20 Menschenleben kostete? "Ich habe", sagte Italiens Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro, "eine Hoffnung: daß die Tragödie nicht einer verursacht hat, dem andere Menschenleben gleichgültig waren." Die Beklemmung des Präsidenten hat ihren Grund.Unmittelbar nach dem Unglück hatte Carlo Andreotti, Präsident der Provinz Trient, wie berichtet, gesagt, was ihm immer wieder zugetragen wird: "Zur Unterhaltung fliegen Militärmaschinen unter den Seilen der Bahn durch." Andreottis zornige Forderung: "Diese Kriegsspiele müssen aufhören." Wenn Anwohneraussagen über Flugkunststücke zu Medien stimmen, dann kommt ein schlimmer Verdacht auf.Am Unglückstag war Marcello Vanzos Gondel mit zwanzig Personen auf dem Weg ins Tal sehr viel schwerer als Marino Costas Gondel mit einer Person.Die jeweiligen Tragseile der Gondeln sollen daher 20 Meter auseinandergeklafft sein.20 Meter: genug Platz zum Durchschlüpfen für einen hochmodernen, kleinen Jet mit Präzisionselektronik? "Schon andere Male sind Militärflugzeuge", erzählt Signora Del Marco, "nicht unten, sondern direkt zwischen den Seilen durch geflogen." Die De Marcos betreiben in der Nähe eine Fischzucht, konnten das Unglück aber nicht direkt beobachten.Der Hausherr hörte nur den Krach: "Mir war, als würde das Haus über mir zusammenbrechen." Signor De Marco konnte aber erkennen, wie der Jet wieder an Höhe gewann.Die Maschine vollführte in Aviano, der größten US-Basis in Italien eine Notlandung.Inzwischen wurden abgebrochene Teile der Maschine gefunden.Experten wundern sich, daß die Maschine nicht abstürzte. Die Basis Aviano verzeichnet bei wachsender militärischer Bedeutung für die Einsätze zuerst im Golfkrieg und später in Bosnien eine hohe Zahl von Starts und Landungen und ist daher bei Bevölkerung und etlichen politischen Gruppen umstritten.Nicht nur deswegen waren die ersten Äußerungen der US-Militärs wenig erhellend.Das Unglück wird schwer aufzuklären sein und juristische Probleme aufwerfen. Der Trientiner Staatsanwalt Giardina hat zwar sofort die Unglücksmaschine beschlagnahmt und ist nach Aviano gefahren.Besonders viel Eindruck kann er da aber nicht machen, weil nach den Verträgen aus dem Jahr 1955 über das Verhalten der Piloten US-Gerichtsbarkeit zu entscheiden hat.Massimo Brutti, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, wies zur Besänftigung auf einen Parallelfall hin: das Unglück 1988 im deutschen Ramstein.Weil es sich um italienische Piloten handelte, sei das auch ein Fall für italienische Gerichte gewesen. "Seilbahn-Anflug in Deutschland undenkbar" Tiefflüge unterhalb 330 Meter verboten / Acht der 20 Toten kamen aus Deutschland BONN (AP).Zumindest unter regulären Umständen wäre eine Kollision eines Militärjets mit einer Seilbahn in Deutschland undenkbar.Das versicherten am Mittwoch Luftwaffenkreise in Bonn.Auch für Militärflüge gelte das Luftverkehrsgesetz, betonten sie.Es sieht verschiedene Mindestflughöhen und Mindestabstände vor. Seit geraumer Zeit ist für den gesamten Luftraum der Bundesrepublik eine Mindestflughöhe von 1000 Fuß, etwa 330 Meter, über Grund festgelegt.Das gilt nicht nur für deutsche Flugzeuge, sondern auch für Flugzeuge anderer Nationen wie etwa Jets der Nato-Verbündeten.Besondere Tiefflugzonen, wie sie etwa vor vier Jahren noch in dünner besiedelten Gebieten der Bundesrepublik existierten, sind abgeschafft worden.Abgesehen von Korridoren für Start und Landung gibt es zahlreiche einschränkende Ausnahmen von der 1000-Fuß-Regel: Atomanlagen etwa, oder Großstädte mit mehr als 100 000 Einwohnern.Hier liegt die Mindestflughöhe bei 2000 Fuß. Den Angaben zufolge werden zwar in Einzelfällen noch Flüge in geringerer Höhe als 1000 Fuß durchgeführt, sie seien aber mit so hohen Genehmigungshürden verbunden, daß sie numerisch nicht ins Gewicht fielen. Als völlig unvorstellbar wurde in Luftwaffenkreisen bezeichnet, daß es eine Anweisung geben könnte, in gefährliche Nähe einer Seilbahn zu fliegen - auch nicht zu Übungszwecken. Das gilt nicht nur in Deutschland.Italiens Ministerpräsident Prodi richtete am Unglücksort heftige Vorwürfe an die Militärs."Dies war kein normaler Tiefflug.Dies war ein Flug außerhalb der Normen und Vorschriften." Die vorgeschriebene Flughöhe an diesem Ort liegt bei 610 Meter.Prodi sprach von einem "Akt tragischen Leichtsinns".

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