Welt : Ein Gläschen in Ehren

Zu einer schönen Bahnfahrt gehört unbedingt ein Schluck Sekt – die Weinkarte kann sich sehen lassen

Elisabeth Binder

Man braucht kein Jubiläum, um sich über die vielen Wunder zu freuen, die nach dem Fall der Mauer passiert sind. Eine Fahrt mit der Deutschen Bahn reicht völlig aus.

Am Ende eines langen Tages im Ruhrgebiet freue ich mich immer schon auf ein ausgiebiges Dinner im Bord-Bistro. Die Bahn hat kulinarisch schließlich mächtig aufgerüstet in den letzten Jahren. Ausgezeichnete Chefköche aus allen Bundesländern wechseln sich monatlich ab, um ihre besten Rezepte mit Bio-Produkten dort anzubieten. In Zusammenarbeit mit dem Sylter Kult-Lokal „Sansibar“ ist eine höchst achtbare Weinkarte zustande gekommen, die durchaus geeignet ist, die Fahrstunden auch nach dem eigentlichen Mahl noch zivilisiert zu verkürzen. Beim Studium dieser Karte denke ich immer, dass Fortschritt eben doch möglich ist und wie angenehm sich ein Land präsentiert, dass seinen Gästen nicht nur Landschaften, sondern auch Lebensqualität bietet.

Zum Aperitif freilich muss es Rotkäppchen-Sekt sein. Bei der Fahrt durch die im Vergleich zu früher doch wirklich freundlicher blühenden Landschaften habe ich eine fast sentimentale Zuneigung zu diesem Getränk entwickelt. Es ist einfach schön, daran zu denken, wie aus einem Lieblingsgetränk der alten DDR eine Erfolgsstory wurde, die erzählt, dass eben nicht nur westliche Unternehmen östliche übernommen haben, sondern dass es auch umgekehrt ging. Das erzähle ich auch jedes Mal, wenn ich Freunde aus den USA in einen ICE setze, und rate dringend zu diesem Aperitif. Ich weiß ja, wie vergleichsweise öde die Snack-Cars bei denen daheim sind.

Ach ja, es ist auch schon vorgekommen, dass ich so pleite war, dass ich mir die Bistro-Preise nicht leisten mochte. Da habe ich den Piccolo zusammen mit einem Brötchen für sehr viel weniger Geld vorab in einem Laden gekauft und ein fröhliches Picknick auf meinem Sitz gemacht. Und das soll jetzt vorbei sein? Könnte es sein, dass die Bahn mit sicherem Instinkt auch mal komplett danebengreift? Egal, wer nicht trinkt, spart Kalorien. Und im Auto gilt für mich die eiserne Regel: null Promille.

Nur die Freude über den Fall des Eisernen Vorhangs könnte zwischen wild bretternden osteuropäischen Lkw-Fahrern und unbelehrbaren deutschen Dränglern auf der Autobahn Schaden nehmen und sich wieder ganz auf die runden Jubiläen zurückschrumpfen.

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