Welt : Eine himmlische Stimme

Sassan Niasseri

Xavier Naidoo kommt in den Himmel. Wenn den Menschen das Ende der Welt bevorsteht, wird Gott ihn, seinen Propheten, empfangen. Davon ist Naidoo überzeugt. Er singt dann sein neues Lied: "Der Herr knickt alle Bäume". Schließlich lebt der "PR-Agent Gottes", wie er sich selbst nennt, gut von seinem Glauben an das Ende: Naidoo gilt als erfolgreichster Sänger der letzten Jahre, als Wegbereiter deutschsprachiger Soulmusik. "Nicht von dieser Welt", Naidoos Debütalbum von 1998, hat zwei Millionen Exemplare abgesetzt. Morgen erscheint sein zweites Album "Alles für den Herrn/ Zwischenspiel".

"Am besten geht ihr geduckt/ denn jetzt wird Lava gespuckt/ bis jeder Leib am Boden liegt und zuckt" - eine düstere Sicht auf die Zukunft, härter als die pastoralen Töne, die der 30-Jährige zu Beginn seiner Karriere anschlug.

Damals gelangen Naidoo gleich mit seinen ersten zwei Singles, "Nicht von dieser Welt" und "Führ mich ans Licht", Top-Ten-Erfolge - pathetische Liebeslieder, die, wohlgemerkt, nicht an die Freundin, sondern an Gott gerichtet sind. Seitdem ist Naidoo für seine Fans so etwas wie das Medium des Herrn. Ein Medium auch deshalb, weil Naidoo über die Jahre Theorien darüber entwickelt hat, wer die idealen Christen sind - Leute wie er natürlich, die, einer Vorhersehung gleich, am richtigen Ort geboren sind: Mannheim.

Nicht ganz von dieser Welt

Er vergleicht - voller Ernst - seinen Geburtsort mit Jerusalem: "Das Automobil ist hier erfunden worden und das Fahrrad", sagte er in einem Interview. Sowieso sei Autofahren der direkte Ausdruck biblischen Willens: "In der Bibel steht: Die Berge werden sich senken. Wer Ezechiel genau liest, weiss, dass er das Auto meint". Aber auch gegen die Erkenntnisse der Wissenschaft ist der Sänger immun: Das Gift, das die Autos verbrennen, so Naidoo, entweiche durch das Ozonloch aus unserer Atmosphäre und damit aus unserem Leben.

Siebzig Autos soll er sich inzwischen angeschafft haben. Alles für Gott und die Stadt, und dafür, dass Erlösung geschieht, bevor es mit der Welt zu Ende geht. Aussagen wie diese haben dazu geführt, dass kaum jemand Naidoo heute noch gleichgültig gegenüber steht.

Seine Songweisheiten sind hart und abstrus, aber seine Kindheit soll auch nicht leicht gewesen sein. Im bürgerlichen Mannheim-Wallstadt wächst er auf als Sohn einer Südafrikanerin und eines indischen Industrieschweissers. Seine Mitschüler hänseln ihn wegen seiner dunklen Hautfarbe, nennen ihn den "Neger aus Kurpfalz". Naidoo schlägt zurück, aber er lässt sich nicht irritieren. Er singt im Kirchenchor, macht die mittlere Reife und beginnt eine Lehre als Koch. Anfang der Neunziger arbeitet er als Türsteher in einer Diskothek. Kickboxen kommt ihm dabei zu gute, er bricht so manche Nase.

Vom Strassenschläger zum gewaltfreien Prediger: das romantische Klischee, das zur Legendenbildung führt. Gott ist Naidoos große Liebe - die Frauen in seinem Leben, Langzeitfreundin Steffi und die Mutter, mit denen er zusammenlebt, helfen ihm dabei.

Das enorme Selbstbewusstsein, das der Sänger heute demonstriert, wurde erstmals vor zwei Jahren offenbar, als er einen zähen Gerichtsprozess gegen seinen Produzenten und Entdecker Moses Pelham gewann. Streitgrund waren "Die Söhne Mannheims", eine Band, die Naidoo ins Leben gerufen hatte. Pelham hatte nicht gewollt, dass sein Schützling ausservertraglich Songs aufnimmt. Er war es schliesslich auch, der Naidoo 1997 seinen ersten großen Auftritt verschaffte, als er ihm einen Job als Backgroundsänger bei Sabrina Setlur gab. Und dabei erkannte, dass Xaviers Stimme besser war als die der Sängerin. Pelham produzierte Naidoos Debütalbum und machte ihn damit zum Star.

Erst nach Beendigung des Rechtsstreits startete Naidoo voll durch: Er ging mit "Die Söhne Mannheims" auf Tournee, nahm Songs auf mit dem Komiker Michael Mittermaier und der Rockband Reamonn und agierte als Fürsprecher des "Gegen-Rechts-Vereins" "Brothers Keepers". Für seinen politischen Einsatz erhielt er dann auch von Kritikern großen Zuspruch.

Das war im letzten Jahr. Heute ist Naidoo fanatischer denn je. "Alles für den Herrn/ Zwischenspiel" ist ein pompöses Doppelalbum geworden mit dreißig Songs, die er aufgeteilt hat, in eine "zwischenmenschliche" und eine "religiöse" Seite. Naidoo präsentiert sich mit viel lyrischem Unsinn als den Gerechten, der - ganz der jugendliche Fighter - Gegengewalt androht und sich einen Kreuzzug gegen das Kapital und die westliche Welt herbeisehnt.

Nur die geliebten Autofahrer lässt er ungestraft. Naidoo sagt, dass er seit Jahren nicht mehr zum Arzt geht. Er weiß: Gott passt auf ihn auf.

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