Welt : Eine süße Versuchung

Adelheid Müller-Lissner

Honig ist süß, Honig ist gesund, und die biblische Verheißung eines Landes, in dem "Milch und Honig fließen" zeigt, dass das Bienenprodukt von Alters her als Symbol des Wohlergehens gilt. Mitunter werden im Honig aber auch Stoffe gefunden, die der Gesundheit des Konsumenten schaden, wie jetzt Schlagzeilen über Buchweizen-Honig aus China deutlich machten.

In diesem Fall wurde das im Honig entdeckte Antibiotikum Chloremphenicol den Bienen gegen Krankheiten und damit zur Ertragssteigerung verabreicht. Doch Honig verfügt auch von Natur aus über die Fähigkeit, das Wachstum einiger Bakterien zu hemmen. Insofern könnte Honig seinen Ruf als Heilmittel verdient haben.

Doch die Lage ist komplizierter, denn Honig kann nicht nur Bakterien abtöten, sondern sie auch enthalten. Eines davon kann für Säuglinge lebensgefährlich werden. "Vielen ist nicht bewusst: Honig gehört zu den tierischen Lebensmitteln, bei deren Rohverzehr verschiedene Risiken bekannt sind", steht im Epidemiologischen Bulletin 37/98 des Robert-Koch-Instituts. Und das nicht ohne Grund, denn es wird über einen dramatischen Fall berichtet: Ein drei Monate alter Säugling aus dem Berliner Umland kam mit einem rätselhaften Krankheitsbild in eine Neugeborenen-Intensivstation. Er trank nicht mehr, bewegte die Augen kaum, und hatte keinen Stuhlgang. Weil alle Symptome, die das Baby zeigte, mit Muskelschwäche in Verbindung zu bringen waren, tippten die Ärzte schließlich auf eine Vergiftung mit dem Nervengift Botulinum.

Tatsächlich konnten sie das Bakterium Clostridium botulinum A im Stuhl des Kindes nachweisen. Vier Monate nach Beginn der Behandlung mit Infusionen und Penicillin lag es immer noch in der Klinik: Es musste weiter mit der Sonde ernährt werden. Ärzte und Eltern rekonstruierten, dass das Baby sich das Bakterium mit dem industriell abgefüllten Honig geholt haben musste, mit dem sein Tee gesüßt war.

Clostridium botulinum ist nur für Säuglinge im ersten Lebensjahr gefährlich. Bei älteren Kindern und Erwachsenen gibt die Darmflora dem Bakterium keine Chance, das Gift zu bilden. Wenn sie an Botulismus erkranken, so haben sie vorher das fertige Toxin zu sich genommen, etwa mit verdorbenen Konserven. Beim Baby jedoch kann sich das Toxin noch ungehindert im Darm bilden. Es bindet sich dann an Nervenzellen und verhindert die Ausschüttung von Substanzen, die für deren Erregung nötig sind: Eine Lähmung der Muskeln ist die Folge. Der Säugling kann nicht mehr schlucken und seine Augen nicht richtig öffnen, seine Ärmchen und Beinchen werden schlaff. Nicht ganz auszuschließen ist, dass auch einige Todesfälle, die als "Plötzlicher Kindstod" in die Statistik eingingen, in Wirklichkeit auf das Konto des Botulismus gehen.

Ab dem Kleinkindalter kann Honig nach Ansicht von Kinderärzten durchaus Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein. In den ersten Monaten sollte der Erdenbürger aber möglichst in einem Land leben, in dem nur (Mutter-)Milch fließt.

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